Montag, 29. September 2014

Der vollständige Text der Rede, die PA Präsident Mahmoud Abbas am 26. September 2014 vor der UN Generalversammlung in New York gehalten hat

ב"ה


Nachdem es sich wirklich um eine bemerkenswerte Rede handelt, die für sich selbst spricht, habe ich sie nur übersetzt, aber nicht kommentiert. Ich überlasse es jedem, sich seine eigene Meinung zu bilden.

Herr Präsident, meine Damen und Herren 

In diesem Jahr, das von der UNO Generalversammlung als Internationales Jahr der Solidarität mit den Palästinensern ausgerufen wurde, hat Israel beschlossen, es zu einem neuen Jahr des Krieges und des fortgesetzten Völkermordes am Palästinensischen Volk zu machen.  

In diesem Jahr spiegelte diese Versammlung, im Namen zahlreicher Staaten und Völker die Sehnsucht und die Entschlossenheit, einen gerechten Frieden zu erreichen, der Freiheit und Unabhängigkeit für das Palästinensische Volk bringt. In einem Staat Palästina, der neben Israel existieren wird, um das historische Unrecht, welches am Palästinensischen Volk in der Al-Nakba von 1948 begangen wurde, zu korrigieren. In diesem Jahr hat die Besatzungsmacht beschlossen, sich darüber hinweg zu setzen, indem sie Gaza mit einem Krieg überzog,  indem sie mit  Flugzeugen und Panzern grausam mordete und Häuser, Schulen und Träume von Tausenden von Palästinensischen Kindern, Frauen und Männern zerstörte, und damit, in Wahrheit auch die Hoffnung auf Frieden. 

Meine Damen und Herren

Ich habe in diesem Raum anlässlich einer ähnlichen Veranstaltung im Jahr 2012 zu Ihnen gesprochen, und habe davor gewarnt, dass die koloniale Besatzungsmacht eine neue Nakba gegen das Palästinensische Volk vorbereitet und ich habe an Sie appelliert: verhindern Sie eine neue Nakba. Unterstützen Sie jetzt die Gründung eines freien und unabhängigen Staates Palästina.

Ich kam zwei Monate später zurück, während Palästina seine Wunden ausheilte und noch während die geliebten, zu Märtyrern gewordenen Kinder, Frauen und Männer, unmittelbar nach einem weiteren Krieg beerdigt wurden. Damals sagte ich zu Ihnen: Es gibt sicherlich weltweit niemanden, der den Tod zahlreicher Palästinensischer Kinder braucht, um eine Bestätigung zu erhalten, dass Israel auf der Besatzung beharrt, und es besteht auch keinerlei Bedarf an Tausenden von tödlichen Angriffen und Tonnen von Sprengstoff, um die Welt daran zu erinnern, dass es diese Besatzung gibt, die enden muss, und dass es ein Volk gibt, das befreit werden muss.

Ich sagte damals auch: es besteht kein Bedarf an einem neuen, zerstörerischen Krieg, um die Abwesenheit von Frieden festzustellen. 

Und, heute stehen wir wieder hier.

Wir stehen hier, voll Trauer, Bedauern und Bitterkeit, mit den erneuten Erkenntnissen und Fragen nach einem neuen Krieg, dem dritten, den der rassistische Besatzer innerhalb von fünf Jahren gegen Gaza, diesen kleinen, eng besiedelten und kostbaren Teil unseres Landes, willkürlich angefangen hat.

Der Unterschied heute gegenüber damals ist, dass das Ausmaß der völkermordenden Verbrechen grösser ist, und dass die Liste der Märtyrer, insbesondere der Kinder, länger ist, ebenso wie die Liste der Verletzten und Invaliden, und, dass Dutzende von Familien völlig ausgelöscht wurden.

Der Unterschied heute ist, dass ca. 500.000 Menschen aus ihren Häusern und Wohnungen vertrieben wurden, und dass die Zahl der zerstörten Häuser, Schulen, Krankenhäuser, öffentlichen Gebäude, Wohnhäuser, Moscheen, Fabriken und sogar Friedhöfen so hoch wie noch nie ist. Und der Unterschied heute ist, dass es für das Maß der Zerstörung durch die aktuellen Aggressionen, entsprechend einem Augenzeugen, dem Ehrenwerten General Kommissär der UNWRA, nichts gibt, was an diese heranreicht.

Herr Präsident, meine Damen und Herren

Dieser letzte Krieg gegen Gaza war nichts als eine Serie von klaren Kriegsverbrechen, Augenblick für Augenblick begangen vor den Augen und Ohren der gesamten Welt, so unglaublich, dass es nicht vorstellbar ist, irgendjemand könne behaupten, das Ausmaß und den Horror der Verbrechen nicht erkannt zu haben. Und es ist unglaublich, dass manch einer unfähig ist, die Situation korrekt zu beschreiben und, dass sie sich damit begnügen, Israels Recht auf Selbstverteidigung zu unterstützen, ohne den Blick auf das Schicksal von Tausenden von Opfern bei unserem Volk zu richten, und die einfache Tatsache, auf die wir sie heute hinweisen, zu ignorieren: dass das Leben eines Palästinensers ebenso wertvoll ist, wie das Leben irgendeines anderen Menschen.

Wir müssen auch annehmen, dass niemand sich noch wundert, warum der Extremismus weiter steigt und warum die Kultur des Friedens an Boden verliert und warum die Bemühungen, Frieden zu erreichen, zusammenbrechen. 

Trotzdem glauben und hoffen wir, dass dieses Mal niemand die Besatzung durch weitere Straffreiheit unterstützt, oder darin, sich der Verantwortung für die begangenen Verbrechen zu entziehen.

Herr Präsident, meine Damen und Herren

Im Namen von Palästina und seinem Volk, bekräftige ich hier und heute: wir werden nicht vergessen und wir werden nicht vergeben, und wir werden es nicht zulassen, dass Kriminelle sich der Strafe entziehen können. 

Ich bekräftige vor Ihnen, dass das Palästinensische Volk an seinem legitimen Recht festhält, sich selbst gegen die Israelische Kriegsmaschinerie zu verteidigen und sich der kolonialistischen und rassistischen Besatzung durch Israel entgegen zu stellen. 
Gleichzeitig halte ich fest,  dass unsere Trauer, unser Trauma und unsere Wut uns noch nicht einmal für einem Augenblick von unserer Humanität ablenken wird, ebenso wenig, wie von unseren Werten und unser Moral; wir werden unseren Respekt und unsere Verpflichtung gegenüber dem internationalen Recht, dem internationalen Menschenrecht und den internationalen Übereinkommen immer aufrecht erhalten. Ebenso werden wir die Traditionen unserer nationalen Kämpfe pflegen, die von den Palästinensischen Fedajin 1965 im Zuge der Palästinensischen Revolution gegründet wurden, und denen wir uns seither verpflichtet fühlen. 

Herr Präsident, meine Damen und Herren

Inmitten einer Flut von Massakern und einem Sturm der massiven Zerstörung, haben wir weltweit Menschen gesehen, die sich zu großen Demonstrationen auf den Straßen versammelten und die Aggression und Besatzung verdammten und ihre Unterstützung für ein freies Palästina erklärten. Und wir konnten beobachten, dass die überwältigend große Mehrheit der Staaten auf den diversen Kontinenten die gleiche ehrenvolle Position einnahm und alles tat, um unserem Volk jegliche Hilfe und Unterstützung zukommen zu lassen. Und wir beobachteten eine quantitative und qualitative Zunahme, speziell bei Akademikern, Kulturschaffenden, Studenten- und Jugendgruppen, in den Aktivitäten der internationalen Boykott Kampagne gegen Israels Besatzungspolitik, gegen die Apartheid, gegen die kolonialen Siedlungen.

Deshalb zeigen wir, im Namen Palästinas,  unseren Respekt für alle, die sich entschlossen haben, humanitäre Werte zu verfechten, Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden zu verlangen. Alle diese Zeichen von echter Solidarität sind eine wichtige Nachricht an die, die mit dem Genozid in Gaza konfrontiert sind. Sie helfen ihnen, sich nicht allein gelassen zu fühlen. 

Herr Präsident, meine Damen und Herren

Der aktuelle Israelische Krieg zeigte den grundlegenden Kernpunkt dessen, was die Israelische Regierung hinter geschlossenen Türen anlässlich der Verhandlungen angekündigt hat. Dieser Krieg kam nach langen, schwierigen Verhandlungen, die sich über acht Monate unter Beobachtung der Amerikaner, getragen von den Bemühungen von Präsident Barack Obama und den beständigen Anstrengungen seines Außenministers, John Kerry,  hinzogen. Wir ließen uns in diese Verhandlungen ohne Vorbehalte ein, im guten Glauben und voll positiver Erwartung, wir teilten die  Bemühungen der Amerikanischen Verwaltung so effektiv wie möglich und wir stellten unsere bestimmten Forderungen, die auf den Resolutionen der internationalen Rechtsprechung basieren, und die eine weltweit überwältigende Unterstützung erfuhren vor. Selbst als wir die fortgesetzten und eskalierenden  Israelischen Angriffe erkannten, übten wir uns in unglaublicher Zurückhaltung und verstummten, um den Amerikanischen Bemühungen die bestmögliche Chance für einen Erfolg zu geben. 

Trotzdem und wie üblich, ließ die Israelische Regierung keine Möglichkeit aus, die Chancen für einen Frieden zu unterlaufen.

Während der Monate der Verhandlungen gab es fortgesetzte Bauarbeiten in den Siedlungen, wurden Länder konfisziert, Häuser zerstört, es gab Tötungs- und Festnahmekampagnen, es gab unverminderte Zwangsumsiedlungen in der West Bank, die ungerechte Blockade des Gaza Streifens wurde noch dichter. Die Besatzungskampagne richtete sich hauptsächlich gegen Jerusalem und seine Bürger, mit dem Versuch, den Geist, die Identität und den Charakter der Heiligen Stadt  künstlich zu verändern. Der besondere Schwerpunkt lag auf der Al-Aqsa Moschee. Gleichzeitig setzten rassistische und bewaffnete Siedler ihre Verbrechen gegen das Palästinensische Volk, das Land, seine Moscheen, Kirchen und Olivenbäume fort.

Und wie üblich hat die Israelische Regierung ein weiteres Mal den Versuch, Frieden zu schaffen, torpediert.

Sie verletzte ein mit der Amerikanischen Verwaltung getroffeness Abkommen, welches die Freilassung einer Gruppe von Palästinensischen Gefangenen betraf, die sich in den Gefängnissen der Besatzer befinden – und wir bestehen nach wie vor auf ihrer vollständigen Freilassung. Wann immer sie während der direkten Verhandlungen oder durch einen amerikanischen Mediator mit einer einfachen Frage konfrontiert wurde, zögerte sie nicht, ihre wahren Absichten aufzudecken:

Israel weigert sich, seine Besatzung des Staates Palästina seit 1967 zu beenden, sondern sucht, im Gegenteil, eine Fortsetzung und Festigung. Es weigert sich, den Palästinensischen Staat anzuerkennen und eine Lösung für die Notlage der Palästinensischen Flüchtlinge zu finden. 

Die Zukunft, die die Israelische Regierung für das Palästinensische Volk vorsieht, liegt in abgesonderten Ghettos für Palästinenser auf einem zerteilten Land, ohne Grenzen und ohne Hoheit über den Luftraum, Wasser und andere natürliche Ressourcen, die nach wie vor in  der Abhängigkeit der rassistischen Siedler und der Besatzungsarmee verbleiben werden, und das Schlimmste wird die absolut verhasste Apartheid sein, der sich das Palästinensische Volk ausgeliefert sieht.

Israel hat während der Verhandlungen bestätigt, dass es den Frieden mit seinem Opfer, dem Palästinensischen Volk zurückweist.

Dies alles geschah gleichzeitig mit dem Versuch, dem Konflikt einen religiösen Hintergrund zu verleihen, verbunden mit dem stärker werdenden und wild wuchernden Rassismus im israelisch-politischen und medialen Diskurs, sowie mit seiner Einflussnahme auf schulische curricula, einer Reihe von  neuen Gesetzen und Besatzungsprakatika und durch seine Siedler. Die Kultur von Rassismus, Aufstachelung und Hass war klar zu erkennen in dem widerwärtigen, schrecklichen Verbrechen, das Monate zuvor von faschistischen Siedlern begangen wurde, die den jungen Jerusalemer Knaben, Mohammed Abu Khdeir, entführten, bei lebendigem Leibe verbrannten und töteten.

Während der letzten Jahre hat die Besatzungsmacht eine Politik verfolgt, die darauf zielte, die PA zu unterlaufen und zu schwächen, und so, schlussendlich, ihre Rolle völlig zu negieren. Die Besatzung war darauf ausgerichtet, die Arbeit, die wir unaufhörlich geleistet haben, um die Grundlagen für den Staat Palästina, den wir haben wollen, zu vernichten: ein eigenständiger und unabhängiger Staat, der in Frieden lebt und vielfältige Brücken der Kooperation mit seinen Nachbarn baut, der Verpflichtungen, Zusagen und Vereinbarungen respektiert; der die Rechte der Bürger stärkt, ihre Gleichheit, der niemanden benachteiligt, der die Rechtsordnung, die Menschenrechte und den Pluralismus fördert; der die aufgeklärten Palästinensischen Traditionen der  Toleranz, Koexistenz, Nicht-Ausgrenzung, aufrecht erhält, der die Kultur des Friedens stärkt, die Rolle der Frauen unterstützt,  der eine zielorientierte  Verwaltung, die den Richtlinien einer guten Verwaltung verpflichtet ist, einsetzt, und die Sorge trägt,  die Bedürfnisse und Interessen  ihrer Bürger zu erfüllen. Die Besatzung hat bisher alles getan und ist auch weiterhin darum bemüht, alles zu tun, diese Bemühungen zu torpedieren, weil sie das genaue Gegenteil zu dem sind, was die Siedlungsbemühungen darstellen. Und weil sie versuchen alles zu tun, um die Chance auf eine Schaffung der Palästinensischen Existenz in einem unabhängigen Staat zu verhindern, der innerhalb einer Zwei-Staaten-Lösung möglich wäre.

Als unsere Bemühungen, vor einigen Monaten unsere interne Probleme durch einen entsprechenden Dialog  zu beenden erfolgreich war und wir begannen, die Einheit in unserem Land wieder herzustellen, ja mehr als das, als wir für die Nation und ihre Institutionen eine Einheitsregierung schufen und in einen Prozess eintraten, der zur Wahl des Präsidenten und der Regierung führen sollte, wurde dieser Schritt von allen Staaten der Welt begrüßt. Von allen Staaten, bis auf Israel, das ausschließlich darum bemüht ist, unser Land und unsere nationale Einheit zu zerteilen.

Herr Präsident, meine Damen und Herren

Und jetzt, wohin werden wir von hieraus gehen?

Der Gedanke, dass es möglich sein würde, einfach zu den alten Arbeitsmustern zurück zu kehren, die immer wieder versagt haben, ist bestenfalls naiv und auf jeden Fall falsch, weil er die Tatsache außer acht lässt, dass es nicht länger akzeptabel ist, und auch nicht mehr möglich, Methoden zu wiederholen, die sich als ungeeignet erwiesen haben, oder Ansätze weiter zu verfolgen, die permanent versagt haben und ein umfassendes Überdenken, sowie radikale Korrekturen erfordert.

Es ist unmöglich, und ich wiederhole – es ist unmöglich, zu einem Verhandlungszyklus zurück zu  kehren, der in der Sache selbst, und in essentiellen Fragen versagt hat. Es gibt weder Glaubwürdigkeit, noch Ernsthaftigkeit in Verhandlungen, in denen Israel im Vorhinein das Ergebnis in Bezug auf seine Siedlungstätigkeit und die Brutalität der Besatzung festlegt. Es gibt keinen Sinn und keinen Wert in Verhandlungen, deren erklärtes Ziel nicht das Ende der Israelischen Besatzung und die Gründung eines Staates Palästina mit Ostjerusalem als seiner Hauptstadt ist. Und zwar auf dem gesamten, seit dem Krieg von 1967 besetzten Palästinensischen Land. Und Verhandlungen, die nicht an einen festen Zeitrahmen gebunden sind, innert dem das Ziel umgesetzt wird, sind wertlos.

Die Zeit ist gekommen, diese Siedlungsbesatzung zu beenden.

Palästina weist darauf hin, dass sein Volk das Recht auf Freiheit nicht hat, solange es dem Terrorismus einer rassistischen Besatzungsmacht und deren Siedler ausgesetzt ist und als Geisel der Israelischen Sicherheitsbedingungen gehalten wird.

Die Bürger Palästinas sind es, die sofort internationalen Schutz brauchen, den wir bei internationalen Organisationen suchen, und sie brauchen die Sicherheit und den Frieden, den sie mehr vermissen, als andere Völker. Die Kinder Palästinas verdienen die Anstrengungen der ganzen Welt, um sicher zu stellen, dass ihre Kindheit, ihre Träume, ihr Leben nicht noch einmal zerstört wird.

Es ist Zeit, die Kapitel dieser fortgeführten und andauernden Tragödie zu schließen.
Diejenigen, die vor 66 Jahren anlässlich der Nakba aus ihren warmen Häusern, ihrem guten Boden und ihrem wunderschönen Land gerissen wurden, wurden in das Elend des Exils gestoßen, in ein Leben als Flüchtlinge. Jetzt werden sie von einer neuen Welle der Vertreibung überzogen und werden auf Todesschiffen auf den Weltmeeren deportiert. Sie brauchen die Sicherheit, dass sie nicht noch einmal aus ihren Häusern vertrieben werden, dass ihre Häuser nicht noch einmal zerstört werden und, dass sie ihr Leben nicht damit verbringen werden, darauf zu warten, dass ein neuer Krieg ausbricht.

Es ist Zeit, diese lange Tragödie zu beenden.

Wir werden es nicht akzeptieren, für immer diejenigen zu sein, die ihre guten Absichten beweisen müssen, indem wir Zugeständnisse zu Ungunsten unserer Rechte machen, und ruhig zu bleiben, wenn wir getötet werden und uns unser Land gestohlen wird. Wir wollen nicht länger diejenigen sein, die die Bedingungen der anderen Seite verstehen und die Wichtigkeit, ihre Koalitionsregierung aufrecht zu erhalten, währen die Besatzung sich mehr und mehr verfestigt. Wir sind ausgelaugt von allen zusätzlichen Prüfungen, die wir bestehen müssen, um unsere Effektivität, Kompetenz und Berechtigung zu beweisen, um unser natürliches, einfaches Recht, ein normales Leben zu leben und unser selbstverständliches Recht ein stabiles und ganz gewöhnliches Morgen erwarten zu dürfen, von weiteren schönen Tagen träumen zu dürfen, und, dass unsere Jugend ihre zukünftigen Tage und Jahre sicher und in Frieden in unserem Land planen kann, so wie andere Völker es tun können.

Die Zeit für einen echten, gerechten Frieden, der im Land des Friedens existiert, ist gekommen.

Herr Präsident, meine Damen und Herren

Wir und alle Arabischen Länder haben andauernd vor den fürchterlichen Konsequenzen gewarnt, die die fortgesetzte Israelische Besatzung und die Verleugnung von Freiheit und Unabhängigkeit für die Bürger von Palästina mit sich bringt. Wir haben wiederholt die Aufmerksamkeit auf die Tatsache gelenkt, dass man, indem man Israel erlaubt, sich so zu verhalten, wie oben beschrieben, ungestraft und völlig befreit von jeder Verantwortung und von allen Folgen für seine Taktiken, Aggressionen, mit seiner Missachtung des internationalen Willens, einen fruchtbaren Boden und  tragfähige Bedingungen für das Erstarken von Extremismus, Hass und Terror in unserer Region geschaffen hat.
Wir sehen uns mit Terrorgruppen konfrontiert, die unsere Region überziehen – wie z.B. „ISIS“ und andere, die keine wie auch immer geartete Gemeinsamkeit mit der toleranten Islamischen Religion haben und die brutale und schreckliche Gräueltaten begehen – und die mehr als eine militärische Konfrontation erfordern. Dies ist eine vordringliche Bedrohung, die mehr erfordert, als Verurteilungen und Stellungnahmen, die natürlich auch wichtig sind. Was aber hier von äußerster Dringlichkeit ist, ist eine umfassende, glaubwürdige Strategie, um die Quellen des Terrorismus auszutrocknen und seine Wurzeln aus allen politischen, intellektuellen, wirtschaftlichen und sozialen Bereichen in unserer Region heraus zu reißen. Das bedarf der Schaffung von soliden Grundlagen für eine angemessene Übereinstimmung, um den Kampf gegen den Terrorismus – in allen seinen Formen – zu einer kollektiven Aufgabe zu machen, die in einer Allianz von Staaten, Völkern und Individuen mitgetragen wird. Es bedarf, ganz besonders in diesem Zusammenhang, des Endes der Israelischen Besatzung unseres Landes, die mit ihren Praktiken und in ihrer unendlichen Fortsetzung eine abscheuliche Form des Staatsterrorismus darstellt und damit eine Brutstätte von Aufhetzung, Spannungen und Hass ist.

Herr Präsident

In diesem Augenblick, in dem wir immer noch unter den Schrecken des Krieges leiden, sehen wir uns gleichzeitig der schwierigen Aufgabe gegenüber gestellt, das wieder aufzubauen, was durch die Besatzung zerstört wurde.

Auf Einladung der Arabischen Republik Ägypten und dem Königreich Norwegen wird, was wir sehr zu schätzen wissen, in  Kairo im kommenden  Monat eine Geberkonferenz für den Wiederaufbau von Gaza stattfinden. Unsere Regierung wird zusammenfassende Berichte vorlegen,  die die Verluste durch die Aggressionen gegen uns belegen werden, und sie wird Details und Pläne vorlegen, die schnell umgesetzt werden können, unter voller Beobachtung und Kontrolle durch die Körperschaften der UNO.

Während wir nochmals wiederholen möchten, wie dankbar wir allen Staaten und Organisationen sind, die das Palästinensischen Volk während und nach dem Krieg schnell unterstützt haben, sind wir auch zuversichtlich, dass uns verbundene und freundliche Länder nicht zögern werden, unsere Pläne und Programme, die wir vorlegen werden, zu unterstützen und, dass die Konferenz umsetzbare Ergebnisse bringen wird, die die Erwartungen erfüllen und die Bedürfnisse der Opfer der Aggression treffen werden.
Wir bestätigen hier nochmals,  dass die erste Voraussetzung  für eine erfolgreiche Umsetzung dieser Pläne und Bemühungen das Ende der fortgesetzten Israelischen Blockade ist, die den Gaza Streifen seit Jahren knebelt und ihn in das größte Gefängnis weltweit verwandelt hat,  in dem ca. 2 Millionen Palästinensische Bürger gefangen gehalten werden. 

Gleichzeitig bestätigen wir unsere Zusage an die Notwendigkeit, die Waffenstillstandsverhandlungen unter Beobachtung der Ägypter weiter zu führen. Dennoch, um eine Wiederholungsschlaufe zwischen Krieg, Wiederaufbau und Krieg im zwei bis drei Jahres Zyklus zu vermeiden, müssen wir zu einem Grundsatzpunkt kommen. Der wird sein,  dass das Leiden von Gaza nur durch eine Beendigung der Besatzung und  einer Gründung des Staates Palästina erreicht werden kann. 

Herr Präsident, meine Damen und Herren

Während der letzten zwei Wochen haben Palästina und die Arabischen Gruppen einen intensiven Austausch mit verschiedenen regionalen Gruppen der UN gehabt, um  ein einleitendes Papier vorzubereiten. Dieses Papier wird vom UN Sicherheitsrat zum Thema Israelisch-Palästinensischer Konflikt übernommen werden, um die Friedensbemühungen vorwärts zu treiben.

Diese Bemühungen bekräftigen noch einmal unsere Verpflichtung einen gerechten Frieden zu erreichen,  der eine verhandelte Lösung darstellt und auf den diplomatischen und politischen Bemühungen der UN basiert. Diese Bemühungen basieren auf den zahlreichen Resolutionen, die in der Generalversammlung und dem Sicherheitsrat beschlossen wurden.
Diese Bemühungen lassen hoffen, dass das Fehlschlagen der vorhergehenden Bemühungen, Frieden zu erreichen, korrigiert wird. Wir bestätigen das Ziel, die Israelischen Besatzung zu beenden und eine Zwei-Staaten-Lösung zu finden, um den Staat Palästina neben dem Staat Israel zu gründen, mit Jerusalem als seiner Hauptstadt und auf dem gesamten Gebiet, welches seit 1967 besetzt ist, und einen gerechten Frieden zu finden, der die Notlage der Palästinensischen Flüchtlinge, entsprechend der UNO Resolution 194 beendet. Hierzu muss es einen konkreten Zeitrahmen geben, um diese Ziele umzusetzen, wie es bereits in der Arabischen Friedensinitiative angeregt wurde. Verbunden wird dies mit einer sofortigen Wiederaufnahme der Verhandlungen zwischen Palästina und Israel, bei denen die Grenzen festgelegt werden und eine detaillierte und weitgefasste Übereinkunft, sowie der Entwurf eines Friedensvertrages zwischen ihnen gefunden werden wird.

Meine Damen und Herren

Wir sind zuversichtlich, dass diese Bemühungen eine breite und volle Unterstützung derjenigen finden, die sicherstellen wollen, dass unser Land keine neuen Kriege und Gräueltaten ertragen muss, von denjenigen, die den Kampf gegen den Terrorismus unterstützen wollen, von denjenigen,  die glauben, dass es notwendig ist, adäquat zu handeln, um das historische Unrecht zu korrigieren, dass durch die Al-Nakba über das Palästinensische Volk kam, und von denjenigen, die sehen möchten, wie der Frieden sich im Land der monotheistischen Religionen entwickelt.

Die Annahme dieser Resolution wird bekräftigen, was Sie mit in diesem Jahr, dem Jahr der Internationalen Solidarität mit dem Palästinensischen Volk erreichen wollten. Dem Palästinensischen Volk, das seinen Kampf und seine Standhaftigkeit fortsetzen wird und das sich tapfer und stark aus den Trümmern und der Zerstörung erheben wird.

Wie unser Dichter, Mahmoudu Darwish sagte: „ Wir sind mit einer unheilbaren Krankheit behaftet, deren Name ist Hoffnung, und wir lieben das Leben, wenn wir eine Chance dazu bekommen.

Herr Präsident, meine Damen und Herren

Es gibt eine Besatzung, die jetzt enden muss.

Es gibt es Volk, das sofort befreit werden muss.

Die Stunde der Unabhängigkeit für den Staat Palästina ist angebrochen.

http://www.timesofisrael.com/full-text-of-abbas-speech-to-un/#ixzz3EVPmEaAZ

Dienstag, 23. September 2014

Der Feiertagsmarathon beginnt morgen

ב"ה


Am kommenden Mittwochabend, dem 24.09. beginnt bei uns Rosh HaShana, das Fest zum Jüdischen Neujahr des Jahres 5775. 

Der 1. Tischri, der Beginn unseres neuen Jahres fällt entsprechend dem bürgerlichen Kalender jeweils auf den Zeitraum zwischen dem 05. September und dem 05. Oktober. Im Jahr 2013 fiel er auf den 05.09., im Jahr 2043 wird er auf den 05.10.fallen. Unser Kalender basiert auf Mondmonaten, er umfasst 12 Monate mit 29 oder 30 Tagen. Damit die Feiertage nicht, wie im Islam rund um das Jahr laufen, wird alle drei Jahre ein Schaltmonat mit 30 Tagen eingefügt.

Nachdem wir unserer Familie und den Freunden „ein gutes und süßes neues Jahr“ gewünscht haben, tauchen wir Apfelschnitze in Honig. Unser Neujahr ist ein ruhiges, wenngleich auch fröhliches Fest. Es gibt keine Bälle, kein Feuerwerk, kein Bleigießen, keine Schornsteinfeger inmitten von vierblättrigem Glücksklee. Übrigens, sowohl der 31. Dezember, als auch der 1.Januar sind hier einfache Arbeitstage.

Rosh HaShana bedeutet in der Übersetzung „Kopf des Jahres“, der Gute Rutsch, den man sich in deutschsprachigen Gebieten anlässlich des Neuen Jahres wünscht, ist wahrscheinlich eine Verballhornisierung des hebräischen Begriffs. Zwar haben die Gebrüder Grimm in ihrem Deutschen Wörterbuch das „Reisen“ auch als "Rutschen" bezeichnet, so dass auch eine symbolische gute Reise in das Neue Jahr als Herkunft möglich wäre.



Ich oute mich jetzt als Liebhaberin des bayerisch-deutschen Kriminologen „Pfarrer Braun“ (Ottfried Fischer) – in „Grimms Mördchen“ spielt dieses Wörterbuch eine maßgebliche Rolle. Allerdings war Kassel als Drehort keine gute Wahl. Steinau ist mit seinem Gebrüder Grimm Museum wesentlich authentischer und auch dem Burgmannenhaus gelingt es, die Gäste ein wenig in die Zeit der Gebrüder Grimm zurück zu beamen, keine Wand im Haus ist gerade, kein Boden ist plan….



Gemäß unserer Tradition sind die Tage zwischen Rosh HaShana  und Yom Kippur auch die Tage, an denen Gott uns und unser Verhalten im letzten Jahr beurteilt. Die drei Bücher Gottes sind in der Zeit geöffnet, jeder hat in den Tagen die Zeit, zu erkennen, was nicht so toll gelaufen und durch ein entsprechend korrektives Verhalten einen Eintrag in einem „besseren“ Buch zu bekommen. 

Ob die drei Bücher (für die nahezu Guten, die Gerechten gibt es das Buch des Lebens, für die ganz Schlechten und Verderbten gibt es das Buch des Todes. Das dritte Buch enthält die Einträge all jener, die sowohl gute, als auch schlechte Taten begangen haben) im Christentum als Himmel, Hölle und Fegefeuer Eingang gefunden haben, können mir vielleicht die hier mitlesenden Theologen beantworten.

Sollte das so sein, gäbe es dennoch einen bedeutenden Unterschied: bei uns werden die Bücher in jedem Jahr an Rosh HaShana geöffnet und erst nach zehn Tagen, am Yom Kippur, wieder geschlossen. Die Beurteilung des Menschen durch Gott findet bei uns als jährlich statt und wir haben die Möglichkeit, sie durch Einsicht und entsprechende Veränderung und Umkehr zu verbessern.





An Rosh HaShana ertönt auch zum ersten Mal das Shofar, das Widderhorn. Die Töne sind sehr archaisch, es ist eine Kunst, dieses natürliche Instrument in Perfektion zu spielen. Es gibt vier Grundtöne:
Teki‘a                                ein langer Ton                     der König kommt
Schewarim                       drei kurze Töne                   Gott erbarme Dich
Teru‘a                               9 - 12 sehr kurze Töne        gebrochenes Herz
Teki‘a gedola                    ganz langer Ton                  der HERR kommt 
                                                                                     wieder

Der Vorbeter gibt die jeweiligen Tonfolgen vor, während der Shofarbläser versucht, sie sauber zu blasen, fürwahr, eine echte Kunst.



Die Shofarim werden von Generation zu Generation weitergegeben, über das Jahr hinaus sorgsam verpackt, damit dem fragilen Horn nichts passieren kann. Ein wohltönendes Widderhorn ist der Stolz jeder Familie.

Zehn Tage später folgt unser wichtigster Feiertag, Yom Kippur, der Tag der Versöhnung. Das Urteil, das zu Rosh HaShana in das entsprechende Buch eingetragen wurde, wird nun, nachdem es sich vielleicht noch verbessert hat, festgeschrieben, gesiegelt.

Leonhard Cohen hat eines der bedeutenden Gebete von Rosh HaShana und Yom Kippur schon sehr früh in seinen Liederzyklus aufgenommen. „Who by fire“.



Yom Kippur ist der Feiertag, der von den meisten Juden, auch den ganz säkularen, eingehalten wird. In Israel ist das Autofahren zwar nicht explizit verboten, wird aber vielerorts, vor allem in Wohngebieten mit vielen Familien eingehalten. Für 25 Stunden gehören die Straßen den Kindern mit ihren Trottinettes, Velos, Skateboards…Wer dennoch fahren muss, tut dies im Schleichgang und mit schlechtem Gewissen. 

Fernsehen und Radio stellen für 25 Stunden alle Sendungen ein, dass die Bahn ihren Betrieb einstellt, kennen wir von jedem Schabbat, auch von den Autobuslinien. An Yom Kippur ruht aber auch der Flughafen. Israel ist an diesem Tag ganz besonders verwundbar. Diese Tatsache machten sich unsere Nachbarn Ägypten und Syrien 1973, unterstützt von acht weiteren Ländern zu Nutze, als sie uns am 06. Oktober angriffen. Der Krieg dauerte zwar nur drei Wochen, forderte aber auf allen Seiten furchtbar viele Opfer. Die IDF war zum ersten Mal verletzbar. Ohne die US amerikanische Hilfe wäre dieser Krieg vielleicht das Ende des modernen, demokratischen Israel gewesen. Um nicht ein zweites Mal mit einer derart desaströsen Situation konfrontiert zu werden, gibt es heute das „stille“ Radio, Fernsehen und Internet, das nur im Alarmfall automatisch auf „laut“ stellt……..

Zur Zeit des zweiten Tempels in Jerusalem, also bis zum Jahr 70 C.E. war dieser Tag der einzige im Verlauf des Jahres, an dem der Hohe Priester, und nur er, das Allerheiligste des Tempels betreten durfte. Dies war der Ort, wo die Bundeslade mit den zwei Tafeln stand, verborgen hinter einem monumentalen Vorhang. Er besprengte die Bundeslade mit dem Blut zweier Opfertiere, ein Bock wurde in die Wüste geschickt (Sündenbock), nachdem er virtuell mit den Sünden des Volkes beladen wurde.




Yom Kippur ist „der lange Tag der Synagoge“. Er beginnt am Vorabend des Tages bei Sonnenuntergang mit dem Kol Nidrei.



Mit dem Kol Nidrei sollen alle unwissentlichen und unüberlegten Eide und Versprechungen gegenüber Gott getilgt werden. Alle wissentlich und absichtlich abgelegten Eide und Versprechungen bleiben aufrecht. Meineide vor Gericht, oder ausgehandelte Verträge zwischen Juden und Nichtjuden bleiben weiterhin aufrecht.

Der folgende Tag stellt eine Mischung aus kollektiven Sündenbekenntnissen und Erinnerungen an Vorverstorbene dar. Wir kennen das individuelle Schuldbekenntnis, das im Christentum aus der Ohrenbeichte und der daran anschließenden individuellen Busse besteht nicht. Wir bekennen unsere Sünden kollektiv, schließlich trägt jeder einen kollektiven Teil der Verantwortung an den Sünden der anderen.

Am Nachmittag lernen wir die Geschichte von Yonas und dem Walfisch.

Nachdem bei Sonnenuntergang das Shofar zum letzten Mal geblasen wurde, endet nach 25 Stunden der Feiertag. Man wünscht sich noch einmal „rosh hashana tova umetuka, ve gmar chatima tova!“ (Ein gutes und süßes Neues Jahr und möge die Einschreibung eine gute gewesen sein). Anschließend trifft man sich mit Freunden zum gemeinsamen Fastenbrechen.

Sukkot,  das Laubhüttenfest, das erste im Jahreskreislauf, vor Pessach und Shavuot. Es findet fünf Tage nach Yom Kippur statt und dauert, wie alle Wallfahrtsfeste, sieben Tage. Aber nur der erste Tag und der achte Tag sind echte Feiertage. 

Unmittelbar nach Ende von Yom Kippur macht sich jeder, der plant, eine Sukka (Laubhütte) in seinem Garten oder irgendwo auf dem Grundstück aufzustellen, daran, diese zu bauen. 





Die  Laubhütten müssen nach ganz speziellen Vorschriften gebaut sein, kein Element darf fest mit einem Haus, einer Pergola oder was auch immer verbunden sein, dass Dach muss sich öffnen lassen, sie müssen minimalen Schutz vor den Unbillen des Herbstwetters geben. In der Regel sollte man in den Laubhütten die Malzeiten einnehmen, aber nicht wohnen können. Wie unterschiedlich diese Voraussetzungen sein können, habe ich selber schon erlebt. Ich saß in Bludenz in einer Sukka, bei gefühlten 0° und strömendem Regen und ich saß hier in Zichron in einer Sukka bei gemessenen 28° und genoss den eisgekühlten Tee.

An Sukkot erinnern wir uns an die Zeit, als unsere Vorväter 40 Jahre durch die Wüste wanderten, nachdem sie aus der Versklavung in Ägypten geflohen waren. Wir erinnern uns aber auch daran, wie sie, als sie im Land Israel angekommen waren, als Bauern arbeiteten und zur Zeit der Ernte in einfachsten Hütten auf den Feldern übernachteten, zum Einen, um die Früchte des Feldes vor Dieben zu schützen, aber auch, um bei der Ernte keine Zeit zu verlieren und quasi „vor Ort“ zu übernachten.


Einen wesentlichen Aspekt der Gottesdienste bestimmt an Sukkot der Lulaw.



Dieser Strauß aus dem Wedel einer Dattelpalme (Lulaw), Myrten-  und Weidenzweigen wird in einer vorgegebenen Art gebunden. Dazu kommt eine Etrogfrucht, die ganz bestimmte Voraussetzungen erfüllen muss, um für den Strauß geeignet zu sein. Wir haben im Garten derzeit noch zwei Früchte, ich hoffe, sie halten durch. Ganz wichtig ist es, dass sie nicht vom Baum gefallen, sondern von dort abgeschnitten worden sind. Das Ritual des Etrogschüttelns ist ein sehr archaisches, was ich mich in der Schweiz stets geweigert habe mitzumachen. Hier werden in den Gemeinden die Sträuße einfach weitergereicht, man kann sich der Tradition nicht entziehen.

Auf der Webseite der Chabad Organisation fand ich einen wunderbaren Artikel zu Sukkot mit dem Titel „Außen Einstein, innen Freud“. Gerade die Kombination dieser beiden Wissenschaftler hat mich berührt. 

Einstein wollte ich immer verstehen und doch gelang es mir bis heute nicht, die angeblich so schlüssigen Forschungsergebnisse zu begreifen. In diesem Artikel wird er folgendermaßen zitiert: „Das Unbegreiflichste an der Welt ist, dass sie begreifbar ist.“
Freud hat mich mit seinen Theorien, Erkenntnissen und Schriften seit Jahrzehnten begleitet und maßgeblich dazu beigetragen, dass ich heute der Mensch bin, der ich bin. Freud selbst bezeichnete sich als „gottlosen Juden“ und doch schrieb er 1882 seiner Braut: „…. Wenn die Form, in der die alten Juden sich wohlfühlten, auch für uns kein Obdach mehr bietet, etwas vom Kern, das Wesen des sinnvollen und lebensfrohen Judentums, wird unser Haus nicht verlassen.“

Der achte Tag, Simchat Thora (Freudenfest der Thora) ist der fröhlichste Tag, den wir in der Synagoge feiern.

Sowohl am Vorabend des Feiertages, als auch am Morgen, werden alle Thorarollen, die im Besitz der Gemeinde sind, aus dem Thoraschrein herausgenommen. Jeder der mag, nimmt eine Rolle und „tanzt“ mit ihr im Arm einige Minuten durch die Synagoge, bis die Rolle weitergegeben wird.





Die Lieder die dabei gesungen werden sind nicht zwangsläufig religiös, es sind auch durchaus traditionelle Volkslieder dabei. Die Stimmung ist an diesem Tag ausgelassen. Auch der eine oder andere Schluck Whisky darf durchaus genossen werden….

Auch die Aufrufe zur Thora, in der Regel eine sehr ernsthafte und ehrenvolle Sache, wird an diesem Tag ein wenig lockerer genommen. Sieben Aufrufe gibt es. An diesem Tag kann es sein, dass es heißt:

1.    Wer hat schon einmal beim Lehrvortrag des Rabbiners geschlafen?
2.    Wer hat in diesem Jahr ein Kind/Enkelkind bekommen?
3.    Wer ist schon  mehrfach zu spät zum Gottesdienst gekommen?

Und der letzte Aufruf heißt: Und wer wurde bisher noch nicht aufgerufen? Spätestens dann wird es voll am Vorlesepult.


Irgendwann ist auch dieser Festtag vorbei.
Heuer wird es der 16.Oktober sein. 

Bis dahin plätschert das Leben in Israel leicht schaumgebremst vor sich hin. Welchen Handwerker, welchen Techniker man derzeit braucht, ich glaube, das Hausdach müsste einbrechen, um nicht die freundliche Antwort: „Ja ich komme, nach den Feiertagen.“ hören zu müssen.

Ich wünsche allen meinen Lesern:
„Chag sameach, shana tova u metuka ve gmar chatima tova!“