Dienstag, 23. September 2014

Der Feiertagsmarathon beginnt morgen

ב"ה


Am kommenden Mittwochabend, dem 24.09. beginnt bei uns Rosh HaShana, das Fest zum Jüdischen Neujahr des Jahres 5775. 

Der 1. Tischri, der Beginn unseres neuen Jahres fällt entsprechend dem bürgerlichen Kalender jeweils auf den Zeitraum zwischen dem 05. September und dem 05. Oktober. Im Jahr 2013 fiel er auf den 05.09., im Jahr 2043 wird er auf den 05.10.fallen. Unser Kalender basiert auf Mondmonaten, er umfasst 12 Monate mit 29 oder 30 Tagen. Damit die Feiertage nicht, wie im Islam rund um das Jahr laufen, wird alle drei Jahre ein Schaltmonat mit 30 Tagen eingefügt.

Nachdem wir unserer Familie und den Freunden „ein gutes und süßes neues Jahr“ gewünscht haben, tauchen wir Apfelschnitze in Honig. Unser Neujahr ist ein ruhiges, wenngleich auch fröhliches Fest. Es gibt keine Bälle, kein Feuerwerk, kein Bleigießen, keine Schornsteinfeger inmitten von vierblättrigem Glücksklee. Übrigens, sowohl der 31. Dezember, als auch der 1.Januar sind hier einfache Arbeitstage.

Rosh HaShana bedeutet in der Übersetzung „Kopf des Jahres“, der Gute Rutsch, den man sich in deutschsprachigen Gebieten anlässlich des Neuen Jahres wünscht, ist wahrscheinlich eine Verballhornisierung des hebräischen Begriffs. Zwar haben die Gebrüder Grimm in ihrem Deutschen Wörterbuch das „Reisen“ auch als "Rutschen" bezeichnet, so dass auch eine symbolische gute Reise in das Neue Jahr als Herkunft möglich wäre.



Ich oute mich jetzt als Liebhaberin des bayerisch-deutschen Kriminologen „Pfarrer Braun“ (Ottfried Fischer) – in „Grimms Mördchen“ spielt dieses Wörterbuch eine maßgebliche Rolle. Allerdings war Kassel als Drehort keine gute Wahl. Steinau ist mit seinem Gebrüder Grimm Museum wesentlich authentischer und auch dem Burgmannenhaus gelingt es, die Gäste ein wenig in die Zeit der Gebrüder Grimm zurück zu beamen, keine Wand im Haus ist gerade, kein Boden ist plan….



Gemäß unserer Tradition sind die Tage zwischen Rosh HaShana  und Yom Kippur auch die Tage, an denen Gott uns und unser Verhalten im letzten Jahr beurteilt. Die drei Bücher Gottes sind in der Zeit geöffnet, jeder hat in den Tagen die Zeit, zu erkennen, was nicht so toll gelaufen und durch ein entsprechend korrektives Verhalten einen Eintrag in einem „besseren“ Buch zu bekommen. 

Ob die drei Bücher (für die nahezu Guten, die Gerechten gibt es das Buch des Lebens, für die ganz Schlechten und Verderbten gibt es das Buch des Todes. Das dritte Buch enthält die Einträge all jener, die sowohl gute, als auch schlechte Taten begangen haben) im Christentum als Himmel, Hölle und Fegefeuer Eingang gefunden haben, können mir vielleicht die hier mitlesenden Theologen beantworten.

Sollte das so sein, gäbe es dennoch einen bedeutenden Unterschied: bei uns werden die Bücher in jedem Jahr an Rosh HaShana geöffnet und erst nach zehn Tagen, am Yom Kippur, wieder geschlossen. Die Beurteilung des Menschen durch Gott findet bei uns als jährlich statt und wir haben die Möglichkeit, sie durch Einsicht und entsprechende Veränderung und Umkehr zu verbessern.





An Rosh HaShana ertönt auch zum ersten Mal das Shofar, das Widderhorn. Die Töne sind sehr archaisch, es ist eine Kunst, dieses natürliche Instrument in Perfektion zu spielen. Es gibt vier Grundtöne:
Teki‘a                                ein langer Ton                     der König kommt
Schewarim                       drei kurze Töne                   Gott erbarme Dich
Teru‘a                               9 - 12 sehr kurze Töne        gebrochenes Herz
Teki‘a gedola                    ganz langer Ton                  der HERR kommt 
                                                                                     wieder

Der Vorbeter gibt die jeweiligen Tonfolgen vor, während der Shofarbläser versucht, sie sauber zu blasen, fürwahr, eine echte Kunst.



Die Shofarim werden von Generation zu Generation weitergegeben, über das Jahr hinaus sorgsam verpackt, damit dem fragilen Horn nichts passieren kann. Ein wohltönendes Widderhorn ist der Stolz jeder Familie.

Zehn Tage später folgt unser wichtigster Feiertag, Yom Kippur, der Tag der Versöhnung. Das Urteil, das zu Rosh HaShana in das entsprechende Buch eingetragen wurde, wird nun, nachdem es sich vielleicht noch verbessert hat, festgeschrieben, gesiegelt.

Leonhard Cohen hat eines der bedeutenden Gebete von Rosh HaShana und Yom Kippur schon sehr früh in seinen Liederzyklus aufgenommen. „Who by fire“.



Yom Kippur ist der Feiertag, der von den meisten Juden, auch den ganz säkularen, eingehalten wird. In Israel ist das Autofahren zwar nicht explizit verboten, wird aber vielerorts, vor allem in Wohngebieten mit vielen Familien eingehalten. Für 25 Stunden gehören die Straßen den Kindern mit ihren Trottinettes, Velos, Skateboards…Wer dennoch fahren muss, tut dies im Schleichgang und mit schlechtem Gewissen. 

Fernsehen und Radio stellen für 25 Stunden alle Sendungen ein, dass die Bahn ihren Betrieb einstellt, kennen wir von jedem Schabbat, auch von den Autobuslinien. An Yom Kippur ruht aber auch der Flughafen. Israel ist an diesem Tag ganz besonders verwundbar. Diese Tatsache machten sich unsere Nachbarn Ägypten und Syrien 1973, unterstützt von acht weiteren Ländern zu Nutze, als sie uns am 06. Oktober angriffen. Der Krieg dauerte zwar nur drei Wochen, forderte aber auf allen Seiten furchtbar viele Opfer. Die IDF war zum ersten Mal verletzbar. Ohne die US amerikanische Hilfe wäre dieser Krieg vielleicht das Ende des modernen, demokratischen Israel gewesen. Um nicht ein zweites Mal mit einer derart desaströsen Situation konfrontiert zu werden, gibt es heute das „stille“ Radio, Fernsehen und Internet, das nur im Alarmfall automatisch auf „laut“ stellt……..

Zur Zeit des zweiten Tempels in Jerusalem, also bis zum Jahr 70 C.E. war dieser Tag der einzige im Verlauf des Jahres, an dem der Hohe Priester, und nur er, das Allerheiligste des Tempels betreten durfte. Dies war der Ort, wo die Bundeslade mit den zwei Tafeln stand, verborgen hinter einem monumentalen Vorhang. Er besprengte die Bundeslade mit dem Blut zweier Opfertiere, ein Bock wurde in die Wüste geschickt (Sündenbock), nachdem er virtuell mit den Sünden des Volkes beladen wurde.




Yom Kippur ist „der lange Tag der Synagoge“. Er beginnt am Vorabend des Tages bei Sonnenuntergang mit dem Kol Nidrei.



Mit dem Kol Nidrei sollen alle unwissentlichen und unüberlegten Eide und Versprechungen gegenüber Gott getilgt werden. Alle wissentlich und absichtlich abgelegten Eide und Versprechungen bleiben aufrecht. Meineide vor Gericht, oder ausgehandelte Verträge zwischen Juden und Nichtjuden bleiben weiterhin aufrecht.

Der folgende Tag stellt eine Mischung aus kollektiven Sündenbekenntnissen und Erinnerungen an Vorverstorbene dar. Wir kennen das individuelle Schuldbekenntnis, das im Christentum aus der Ohrenbeichte und der daran anschließenden individuellen Busse besteht nicht. Wir bekennen unsere Sünden kollektiv, schließlich trägt jeder einen kollektiven Teil der Verantwortung an den Sünden der anderen.

Am Nachmittag lernen wir die Geschichte von Yonas und dem Walfisch.

Nachdem bei Sonnenuntergang das Shofar zum letzten Mal geblasen wurde, endet nach 25 Stunden der Feiertag. Man wünscht sich noch einmal „rosh hashana tova umetuka, ve gmar chatima tova!“ (Ein gutes und süßes Neues Jahr und möge die Einschreibung eine gute gewesen sein). Anschließend trifft man sich mit Freunden zum gemeinsamen Fastenbrechen.

Sukkot,  das Laubhüttenfest, das erste im Jahreskreislauf, vor Pessach und Shavuot. Es findet fünf Tage nach Yom Kippur statt und dauert, wie alle Wallfahrtsfeste, sieben Tage. Aber nur der erste Tag und der achte Tag sind echte Feiertage. 

Unmittelbar nach Ende von Yom Kippur macht sich jeder, der plant, eine Sukka (Laubhütte) in seinem Garten oder irgendwo auf dem Grundstück aufzustellen, daran, diese zu bauen. 





Die  Laubhütten müssen nach ganz speziellen Vorschriften gebaut sein, kein Element darf fest mit einem Haus, einer Pergola oder was auch immer verbunden sein, dass Dach muss sich öffnen lassen, sie müssen minimalen Schutz vor den Unbillen des Herbstwetters geben. In der Regel sollte man in den Laubhütten die Malzeiten einnehmen, aber nicht wohnen können. Wie unterschiedlich diese Voraussetzungen sein können, habe ich selber schon erlebt. Ich saß in Bludenz in einer Sukka, bei gefühlten 0° und strömendem Regen und ich saß hier in Zichron in einer Sukka bei gemessenen 28° und genoss den eisgekühlten Tee.

An Sukkot erinnern wir uns an die Zeit, als unsere Vorväter 40 Jahre durch die Wüste wanderten, nachdem sie aus der Versklavung in Ägypten geflohen waren. Wir erinnern uns aber auch daran, wie sie, als sie im Land Israel angekommen waren, als Bauern arbeiteten und zur Zeit der Ernte in einfachsten Hütten auf den Feldern übernachteten, zum Einen, um die Früchte des Feldes vor Dieben zu schützen, aber auch, um bei der Ernte keine Zeit zu verlieren und quasi „vor Ort“ zu übernachten.


Einen wesentlichen Aspekt der Gottesdienste bestimmt an Sukkot der Lulaw.



Dieser Strauß aus dem Wedel einer Dattelpalme (Lulaw), Myrten-  und Weidenzweigen wird in einer vorgegebenen Art gebunden. Dazu kommt eine Etrogfrucht, die ganz bestimmte Voraussetzungen erfüllen muss, um für den Strauß geeignet zu sein. Wir haben im Garten derzeit noch zwei Früchte, ich hoffe, sie halten durch. Ganz wichtig ist es, dass sie nicht vom Baum gefallen, sondern von dort abgeschnitten worden sind. Das Ritual des Etrogschüttelns ist ein sehr archaisches, was ich mich in der Schweiz stets geweigert habe mitzumachen. Hier werden in den Gemeinden die Sträuße einfach weitergereicht, man kann sich der Tradition nicht entziehen.

Auf der Webseite der Chabad Organisation fand ich einen wunderbaren Artikel zu Sukkot mit dem Titel „Außen Einstein, innen Freud“. Gerade die Kombination dieser beiden Wissenschaftler hat mich berührt. 

Einstein wollte ich immer verstehen und doch gelang es mir bis heute nicht, die angeblich so schlüssigen Forschungsergebnisse zu begreifen. In diesem Artikel wird er folgendermaßen zitiert: „Das Unbegreiflichste an der Welt ist, dass sie begreifbar ist.“
Freud hat mich mit seinen Theorien, Erkenntnissen und Schriften seit Jahrzehnten begleitet und maßgeblich dazu beigetragen, dass ich heute der Mensch bin, der ich bin. Freud selbst bezeichnete sich als „gottlosen Juden“ und doch schrieb er 1882 seiner Braut: „…. Wenn die Form, in der die alten Juden sich wohlfühlten, auch für uns kein Obdach mehr bietet, etwas vom Kern, das Wesen des sinnvollen und lebensfrohen Judentums, wird unser Haus nicht verlassen.“

Der achte Tag, Simchat Thora (Freudenfest der Thora) ist der fröhlichste Tag, den wir in der Synagoge feiern.

Sowohl am Vorabend des Feiertages, als auch am Morgen, werden alle Thorarollen, die im Besitz der Gemeinde sind, aus dem Thoraschrein herausgenommen. Jeder der mag, nimmt eine Rolle und „tanzt“ mit ihr im Arm einige Minuten durch die Synagoge, bis die Rolle weitergegeben wird.





Die Lieder die dabei gesungen werden sind nicht zwangsläufig religiös, es sind auch durchaus traditionelle Volkslieder dabei. Die Stimmung ist an diesem Tag ausgelassen. Auch der eine oder andere Schluck Whisky darf durchaus genossen werden….

Auch die Aufrufe zur Thora, in der Regel eine sehr ernsthafte und ehrenvolle Sache, wird an diesem Tag ein wenig lockerer genommen. Sieben Aufrufe gibt es. An diesem Tag kann es sein, dass es heißt:

1.    Wer hat schon einmal beim Lehrvortrag des Rabbiners geschlafen?
2.    Wer hat in diesem Jahr ein Kind/Enkelkind bekommen?
3.    Wer ist schon  mehrfach zu spät zum Gottesdienst gekommen?

Und der letzte Aufruf heißt: Und wer wurde bisher noch nicht aufgerufen? Spätestens dann wird es voll am Vorlesepult.


Irgendwann ist auch dieser Festtag vorbei.
Heuer wird es der 16.Oktober sein. 

Bis dahin plätschert das Leben in Israel leicht schaumgebremst vor sich hin. Welchen Handwerker, welchen Techniker man derzeit braucht, ich glaube, das Hausdach müsste einbrechen, um nicht die freundliche Antwort: „Ja ich komme, nach den Feiertagen.“ hören zu müssen.

Ich wünsche allen meinen Lesern:
„Chag sameach, shana tova u metuka ve gmar chatima tova!“

Donnerstag, 4. September 2014

Schulanfang in Israel und eigene Erinnerungen

B"H

Als im September Geborene wurde ich erst zu Ostern 1961 eingeschult. Man nahm  damals noch keine Rücksicht auf die Schulreife, einzig das Geburtsdatum war maßgeblich.

Und so stand ich irgendwann im April des Jahres 1961 auf dem asphaltierten Boden unserer Terrasse meinem Vater Modell für das klassische Einschulungsbild. Die obligatorische Schultüte fest an mich gedrückt, auf dem Rücken den Schulranzen. Und das Gesicht in misstrauische Falten gelegt.

Das Bild ist nicht mehr vorhanden, aber so ähnlich habe ich es in Erinnerung

Erster Schultag zu Beginn der 60er Jahre


Wir waren 72 (!) in der Klasse, saßen an 5-eckigen Tischen unserer modernen Schule und waren der Klassenlehrerin, Fräulein Dibbelt, für das kommende Schuljahr auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Vorne neben dem Pult hingen zwei Rollwände, auf der einen waren die „normalen“ Buchstaben abgebildet, die Schrift, die wir als erste erlernten, daneben die Sütterlin Schrift, die altdeutsche. Die ermöglichte es mir, nachdem ich sie irgendwann auch, wenn nicht schreiben, dann zumindest lesen konnte, die Briefe meiner Großmutter, geboren im Jahr 1891, zu lesen. Und ich konnte damit die Karl May Bücher meines Großvaters lesen.




Ob ich mir jemals so brave Schüler gewünscht hätte? Ich glaube es nicht. Es gab ein Bild, es muss aus der vierten Klasse der Grundschule gewesen sein, auf dem wir an unseren Tischen sitzen und brav die rechte Hand hochheben, als wüssten wir alle die Antwort auf eine vom Fotografen gestellte Frage.

Das erste Jahr verlief relativ ruhig, wir lernten mit Hilfe von Rechenstäbchen das kleine und das große 1 x 1, wir malten Schwäne, als wir die Zahl „Zwei“ lernten, wir ließen die Zeit der Schiefertafel, samt Griffel und Schwamm hinter uns, und begannen auf Papier zu schreiben. Die Vorweihnachtszeit begann und die Zeit des ersten „großen“ Diktates rückte näher. Diktiert wurden Worte wie Gehirnerschütterung, Pellkartoffel und Nikolaus.

Und genau beim Nikolaus brach mein Bleistift ab. Der Rest des Diktates geriet zum nicht mehr lesbaren Gekrakel.

Die Arbeit wurde als na ja, gerade noch ausreichend bewertet, aber immerhin hatte Fräulein Dibbelt soviel pädagogisches Verständnis, dass sie bei den Eltern, und die sich wieder bei mir schlau machten, was denn da wohl passiert sei.

Es gab eine doppelte pädagogische Ermahnung.

Die der Lehrerin und die der Eltern. Wie schön wäre es gewesen, wenn die Eltern kompromisslos hinter mir gestanden wären. Aber, das war eben noch nicht die Pädagogik des  Jahres 1961. Ich hätte mir den Zugang gewünscht, den Reinhard Mey erleben durfte.




Unsere Schulzeit verlief ruhig, nur dreimal wurden wir in den Ausnahmezustand versetzt, einmal, als im Oktober 1962 die Kubakrise  die Welt durcheinanderrüttelte und ein zweites Mal, als im Mai 1973 der Besuch von LeonidIljitsch Breschnew in Deutschland für Unruhe sorgte. Und natürlich, als die Ölkrise uns 1973 nicht nur die autofreien Sonntage bescherte, sondern auch das, was in Österreich zutreffend als „Energieferien“ bekannt wurde, eine Woche schulfrei zum Semesterwechsel. 

Autofreie Autobahn 1973

Später „durften“ wir, nachdem wir den Sprung von der Volksschule zum Gym geschafft hatten jeden Tag „Il Silenzio“ hören, gespielt zur Wasserorgel des Westfalenparks (Teil der Bundesgartenschau 1969) Dortmund. Der Park lag unmittelbar neben der Schule und ein nicht bekanntes Loch im Zaun ermöglichte uns den kostenlosen Zutritt und eine unauffällige, meist vorzeitige Entfernung von der Schule...

Vor wenigen Tagen haben unsere Kids ihren Schulbesuch wieder aufgenommen.  Die Eltern im Süden, zumindest die, die in ihren Häusern geblieben sind und hoffen, dass die Feuerpause wirklich hält, haben natürlich Angst. Nicht nur die Kindergärten und Vorschulen befinden sich meist innerhalb des Kibbuzgeländes, auch die Grundschulen, sehr oft besser, als die staatlichen Schulen, werden meist vom Kibbuz selbst angeboten. Nur zu den weiterführenden Schulen werden die Kids mit den knallgelben Schulbussen gebracht, sie sind oft zentralisiert in größeren Siedlungen. Obwohl die Regierung versprochen hat, für die Sicherheit der Region rund um Gaza zu sorgen, hat sie damit begonnen, die Soldaten, die noch vor Ort waren, abzuziehen. Die Kibbuzim und Siedlungen sind damit wieder, wie bis zum Frühsommer, möglichen Angriffen durch die Hamas und ihre Komplizen hilflos ausgeliefert. Die Bewohner verstehen es einfach nicht, warum sie nun wieder ohne Schutz gelassen werden. Da helfen auch Beschwichtigungen seitens der IDF wenig, dass eine ausreichende Zahl von Soldaten vor Ort sei, um die Sicherheit zu gewährlisten, zu stark ist das Trauma der letzten Monate und der letzten Jahre.

Verwaister IDF Posten an einem Kibbuzeingang


Während unsere Einwohner im Süden also ganz, ganz weg sind von einem Hauch der Normalität, bemühen sich Politiker aller Parteien, wie in jedem Jahr, aber heuer eben ein wenig verstärkt, eine goodwill Tour durch das ganze Land zu starten. Am Montag waren sie überall zu finden, unser PM, unser Präsident, Minister aller Parteien.

Sie besuchten landauf, landab Schulen, ließen sich geduldig mit Taferlklasslern abbilden und fanden mehr oder weniger kindgerechte Worte, um den Tag entsprechend zu würdigen.

Präsident Rivlin, bekennender liebevoller Großvater, dessen Enkelsohn Shai in die erste Klasse aufgenommen wurde, schrieb an ihn und seine Klasse einen sehr persönlichen Brief: 

„An meinen lieben Enkelsohn Shai und an die Kinder von Israel. Der Moment ist da: euer Schuljahr beginnt, euer Rucksack ist schon voll mit Heften und dem Federmäppli. Mit dieser Tasche, voll mit Schulutensilien geht ihr, zusammen mit euren Müttern zur Schule. Willkommen in der ersten Klasse.

Die letzten Sommerferien waren ein wenig anders, einige der Aktivitäten der Sommer Camps wurden abgesagt. Ihr wart ständig bereit und aufmerksam. So wie die Erwachsenen wusstet ihr genau, wann ihr in den Bunker rennen musstet.

Und jetzt ist der größte aller Tage für euch da, der für euch einen neuen Anfang darstellt. Heute geht ihr zu Schule, trefft dort alte und neue Freunde und wendet euch der hoffentlich erfolgreichen Routine des Studierens zu.

In einem Jahr werdet ihr lesen können. Die ganz Welt wird sich vor euch öffnen. Ihr könnt Alice in ihr Wunderland folgen und Harry Potter nach Hogwarts. Eure Fragen werden tiefgründiger und umfassender sein, als jemals zuvor. Ihr werdet die Welt weiter und weiter entdecken. Ihr werdet in der Schule wichtige Dinge lernen: Hebräisch, Rechnen, Geschichte und Bibelstudien. Aber das Wichtigste von allem was ihr lernen werdet, wird die Liebe zum Wissen sein, und die Bedeutung von starken Freundschaften und engen Freunden.

Ich weiß, dass ihr Geschichten liebt, also werde ich euch eine erzählen. Von allen Schuljahren, die ich durchlaufen habe, erinnere ich mich besonders an das Jahr 1951. Es war ein sehr harter Winter, es gab ungewöhnlich starke Schneefälle und wir waren einer unglaublichen Kälte ausgesetzt.

Israel Winter 1951



Damals lebten Neueinwanderer in Zelten und zugigen Hütten, sie waren der Kälte und den Elementen völlig ausgesetzt. Die Jemenitischen Einwanderer, die gerade mit der Operation „Fliegender Teppich“ angekommen waren, hatten es besonders schwer und die bereits länger im Land lebenden Familien wurden gebeten, jemenitische Kinder bei sich aufzunehmen. Eines der Kinder kam zu uns. Sein Name war Salem, ein stolzer und gescheiter Bub, aufmerksam und höflich. Salem konnte flüssig lesen, gleichgültig, wie das Buch vor ihm lag <diese Fähigkeit erlernen Schüler von Religionsschulen, wenn sie mit bis zu vier Personen um ein Buch stehen und es gemeinsam lesen und diskutieren> Er kannte die gesamte Thora mit allen ihren Büchern und Ergänzungen auswendig.

Aber Salem konnte unsere Alltagsschrift nicht lesen, weil die Juden im Jemen sie nicht kannten. Und auch im Rechnen war er nicht so gut. Salem dachte nicht im Traum daran, aufzugeben. Ich erinnere mich daran, wie er stur da saß, um seine Schrift und seine Rechenkünste zu verbessern, systematisch und hart daran arbeitend. Meine Brüder und ich haben ihm dabei geholfen, während er jede Gelegenheit, draußen zu spielen zu Gunsten des Lernens vernachlässigte. Ich erinnere mich daran, wie beeindruckt ich von seiner Ernsthaftigkeit war. Besonders, weil er ein Kind war.

Salem wurde in meinen Augen zu einem Symbol für Fleiß, Hingabe und Bestimmung. Ein Symbol, ein gewähltes Ziel zu verfolgen und zu erreichen. Ein Symbol für eine gute und starke Freundschaft.

Heute heißt Salem Shalom Cohen. Er ist ein enger und lieber Freund, der in Schlüsselpositionen des Staates Israel gedient hat.

In diesen Momenten, wenn ihr das erste Mal auf dem Weg zur Schule seid, erinnert euch daran, dass ihr Hindernisse bewältigen könnt, Erfolg haben könnt, dass ihr immer ein offenes Herz für neue Freunde haben sollt und hungrig sein sollt für mehr und mehr Wissen

Viel Glück – und dann wieder ganz persönlich an seinen Enkel Shai -  von deinem Großvater, der dich sehr liebt.

Der "offizielle" Fotograf des Präsidenten


Doch das neue Schuljahr beginnt nicht nur mit positiven Gefühlen. Nach einem Sommer, der nur wenige echte Ferientage mit sich brachte, regt sich der Elternprotest. Er richtet sich einerseits gegen die, in ihren Augen unzureichende Sicherheitslage, aber auch gegen die aktuelle vor Ort Situation in den Klassen. Wenn  ich hier davon berichte, dass in Österreich die maximale Zahl pro Klasse 30 Schüler nicht übersteigen darf, dass es Klassentrennungen in zwei Gruppen in jenen Fächern gibt, in denen der Lernerfolg bei der Maximalzahl nicht mehr gewährleistet ist, dann stoße ich auf Unglauben. Hier sind Klassenzahlen mit mehr als 40 Schülern der Regelfall. Wenn es ganz, ganz gut geht, dann wird zusätzlich ein „Hilfslehrer“ zum „Hauptlehrer“ eingeteilt, der in einzelnen Stunden eine schriftliche Einzelarbeit, natürlich im selben Raum, überwacht, während der eigentliche Unterricht gleichzeitig weitergeht. Man spricht vom „Ölsardinenzustand“. Erziehungsminister Shai Piron versuchte zu erklären: "Wir befinden uns in einer Zeit nach einem Krieg, und jeder Krieg kostet Geld – und wir müssen uns solidarisch zeigen. In den kommenden Tagen werden wir versuchen, einen Weg zu finden, so dass keiner der zentralen Inhalte betroffen sein wird.“  

Daran wird sich wohl in diesem Schuljahr kaum etwas ändern lassen, denn auf Grund der Operation „Fels in der Brandung“ wurden kurzerhand 100 Millionen EURO aus dem Etat des Bildungsministeriums zu Gunsten des Verteidigungsministeriums gekürzt.

Welch starken Einfluss die Operation auf den Beginn des neuen Schuljahres hatte, zeigt, dass die Curricula kurzfristig geändert wurden. Während der ersten zwei Wochen, und falls es notwendig sein sollte, auch darüber hinaus, werden jeweils in der ersten und in der letzten Unterrichtsstunde gemeinsam mit Lehrern, Schülern und Schulpsychologen Wege gesucht werden, um die persönliche Belastbarkeit der Schüler wieder zu stärken.

In diesen Einheiten sollen die Schüler ihre persönlichen Erlebnisse und Erfahrungen reflektieren.

Der Satz „Rückkehr zur Normalität“, mantramässig immer wieder formuliert, hat viele Fcaetten, für die Kinder im Süden bedeutet er: „Wir wollen die Normalität, aber wir wollen auch unsere Ferien.“ Das ist die Definition der jüngeren Schüler.

Die älteren bestätigen überwiegend, dass die sich am „normalsten“ und sichersten in ihren Schulen fühlen, was nachvollziehbar ist, wenn man in Betracht zieht, dass sie, die den Sommer über mehr oder weniger daheim verbringen mussten, nun dort wieder zusammen mit ihren Freunden sind.

Mor Baum, eine Neulehrerin, die gerade ihre Ausbildung am Erziehungskolleg der Kibbutzbewegung absolviert hat, hat am Montag ihre erste Stelle als Lehrerin begonnen. Sie ist aufgeregt und unsicher, wie es ihr ergehen wird. „Ich habe Angst. Ich werde alles sehr vorsichtig und langsam angehen. Ich bin keine Heldin, und ich weiß nicht in jeder Situation, was zu tun ist. Aber ich werde meine Schüler nach ihren Empfindungen fragen und versuchen, gemeinsam mit ihnen ihre Erlebnisse und Traumata zu bearbeiten. Lehrerin zu werden war mein Traum und ist es immer noch. Ich hoffe, dass ich neue Gedanken einbringen kann und ich hoffe, dass ich jeden Morgen aufwache und mich daran erinnere, warum ich mich entschlossen habe, diesen Weg zu gegen, auch wenn es derzeit sehr, sehr schwer ist.“

Während im WJL die Schulen bereits am vergangenen Samstag den normalen Unterricht aufgenommen haben, wurde im Gazastreifen der Schulbeginn um 14 Tage auf den 14. September verschoben.

Das Curriculum wurde neu formuliert, um dem verspäteten Beginn des Schuljahres gerecht zu werden und den Schülern den Einstieg zu erleichtern. Das Erziehungsministerium hat aus dem Budget Gelder freigestellt, um eine begrenzte Zahl von Schülern mit den notwendigen Dingen für einen Schulbesuch auszustatten.

Die Lehrer wurden in Workshops darauf vorbereitet,  gemeinsam mit den Kindern an den kriegsbedingten psychischen Störungen arbeiten zu können.

Zwei Schulen in Gaza dienen nach wie vor als Auffanglager für Flüchtlinge.

Schulbeginn in Gaza heißt im Jahr 2014 Schulbeginn im Chaos. Bevor der Unterricht wieder in halbwegs normalen Formen stattfinden kann, müssen, wo immer möglich, Schäden an den Gebäuden ausgebessert, oder Provisorien gefunden werden. Es besteht überall die Möglichkeit, auf Blindgänger zu treffen, die gefunden und entschärft werden müssen, bevor man das Gelände wieder freigeben kann.

Ahmed al-Fassis beschreibt seine Gefühle: „Ich bin so traurig, weil ich Freunde und Klassenkameraden verloren habe. Und ich bin traurig über die ganze Zerstörung.“

Er glaubt daran, was man ihm erzählt hat, dass wir absichtlich die Schulen zerstört hätten,  damit sie, die Kinder und Jugendlichen in Gaza keine Bildung erhalten können. Ihr Leben würde dann eines in Armut sein.

Ahmed ist heute 14, in seinem Kopf hat sich das Bild „Israel ist unser Feind“ eingegraben. In ein, zwei Jahren spätestens ist er alt genug, als Kämpfer der Hamas, des Islamic Jihad, oder der ISIS Terror gegen Israel auszuüben. Die Verbrechen an den eigenen Kindern gehen weiter. 

Ein Teil des heurigen versteckten Curriculums im WJL ist es, Schüler zu überzeugen, keine israelischen Produkte mehr zu kaufen, sondern sich auf die heimischen Produkte zu konzentrieren. Die These heißt: „Esst, was wir anbauen und tragt, was wir produzieren.“

Der Direktor einer privaten Schule im WJL sagt, dass kein Kind bestraft würde, wenn es ein israelisches Produkt in die Schule mitbringen würde. Die Kinder würden das mehr und mehr unter sicher ausmachen und ihre neuen Erkenntnisse auch in die Familien tragen. Aus den Mensen und Cafeterien der Schulen sind jedenfalls alle israelischen Produkte entfernt worden.

Offiziell weist das Erziehungsministerium jede Unterstützung und Zusammenarbeit mit der BDS Bewegung zurück, aus den Büros dort kommen  allerdings ganz andere Töne. Mustafa Barghouti, der Gründer von BDS gibt zu, Schüler ganz gezielt für ihre anti-israelische Kampagne zu benutzen.  

Azmi Abd al-Rahman, Sprecher des Palästinensischen Wirtschaftsministeriums träumt davon, 70.000 bis 100.000 neue Arbeitsplätze zu schaffen, wenn der Boykott israelischer Produkte vollständig eingehalten würde.

Nun ja, wenn sie das konsequent durchziehen wollen, dann werden die Palästinenser sich selber konsequent in die nicht nur technologische Steinzeit zurückbefördern

Eine kleine Auswahl der boykottierten Firmen


Zum Abschluss ein Video, wie in Zichron Ya,acov der erste Schultag begangen wurde. Danke Patricia, Eli, Odelia, Laure und Chloe für dieses private Video!….das sich leider nicht "teilen" lässt, aber hier ist der Link