Freitag, 24. Oktober 2014

Die manipulierende Macht der Worte

ב"ה


Nichts ist manipulativer als ein geschickt bewusst geschriebenes oder gesprochenes Wort.

Vertraut dazu der Empfänger der Nachricht dem Sender, dann wird er auch die Botschaft glauben.

Am 04. August brachte ein Baufahrzeug einen Bus zum Umstürzen. Der Fahrer des Baufahrzeuges war  Muhammed Naif El-Ja’abis, 23 aus Ostjerusalem. Er brauchte mehrere Anläufe, bis es ihm gelang, den Bus zu kippen. Dabei überfuhr er Avraham Walz, 29, der in der Nähe liegende Ausgrabungen überwachte. Der Fahrer des Busses und fünf weitere Personen wurden verletzt. Avraham Walz überlebte den Terroranschlag nicht. Der Terrorist war amtsbekannt. Er wurde von einem anwesenden Polizeioffizier und einem Sicherheitsbeamten erschossen.

Am 22. Oktober, also vor zwei Tagen, raste ein Fahrzeug gezielt in eine Menschengruppe, die an einer Haltestelle des Lighttrains wartete. Eine Sicherheitskamera nahm die Szene auf. Abed a-Rahman a-Shaludi, 20, aus Ostjerusalem verletzte bei diesem Terrorakt 7 Menschen und tötet ein Baby. Er war amtsbekannt. Als er fliehen wollte, wurde er von einem Polizisten angeschossen und verstarb kurze Zeit darauf. Das ermordete Baby war US-amerikanische Staatsbürgerin. 

Beide Vorfälle sind Terroranschläge.

Beide Fahrer sindTerroristen.

Die Familie des Terroristen sieht das anders. Das ist verständlich. Sie gehen davon aus, dass Abed a-Rahman a-Shaludi einen tragischen Autounfall selbst verschuldet hat. 

Seine Mutter, Inas Sharif, gibt sich verwundert: „Wenn es wirklich ein Anschlag war, warum hatte er keinen Sprengstoff im Auto, oder zumindest Molotowcocktails?“

Von einer Mutter kann ich die Überzeugung, ihr Sohn sei unschuldig, gerade noch akzeptieren, aber die Frage nach dem fehlenden Sprengstoff……..


Erschüttert hat mich hingegen die, wenn auch nur intern verteilte Feststellung des US Konsulates in Jerusalem, die kleine Amerikanerin sei einem Autounfall zum Opfer gefallen.
Erst später gab es eine offizielle Stellungnahme: „Unser Standpunkt entspricht dem des US-amerikanischen Außenministers. Er verurteilt auf das Allerschärfste den Terrorakt in Jerusalem.“

Was in den Ohren der Empfänger hängen bleibt, kann nicht beurteilt werden. 

Ich hoffe nur, dass die, die die Wahrheit nicht so gerne haben, sich zumindest der Macht der Bilder, wenn schon nicht der der Worte beugen. 

P.S. Ismail Haniyeh, der Hamaschef, lobte die Terrorattacke noch am Mittwoch als natürliche Antwort auf den israelischen Terror und nannte den Terroristen einen Märtyerer. "Einen Mord für einen Mord, einen Konflikt für einen Konflikt, ein Angriff mit einem Auto für einen Angriff mit einem Auto."

P.P.S. Am kommenden Montag werden die Waffenstillstandsverhandlungen in Kairo fortgesetzt. Haniyeh und seine Leute werden zwar nicht in einem Raum mit unsere Delegation sitzen, aber immerhin doch im gleichen Gebäude.....

 

Freitag, 17. Oktober 2014

Selbstreflexion ist kein Zeichen von Schwäche, es ist ein Zeichen von Stärke

 ב"ה

Diese wunderbare Rede unseres stellvertretenden Botschafters in Norwegen, einem christlichen Araber aus Jaffa fand ich bei faehrtensuche, mit deren Zustimmung ich den Beitrag veröffentliche!


Ob es, wie der Titel des Videos verheißt, “die beste Rede [ist], die ein israelischer Diplomat je gehalten hat” vermag ich nicht zu sagen, aber beeindruckend und überzeugend finde ich sie schon. 

Gehalten hat sie George Deek (Stv. Botschafter Israels in Norwegen) am 27. September 2014 in Oslo/Norwegen. Selten hört man eine Rede, die so unaufdringlich daherkommt und trotzdem oder vielleicht gerade deswegen überzeugt. Deek bringt – eingebettet in seine Familiengeschichte – wesentliche den Nahostkonflikt betreffende Aspekte zur Sprache, klar und deutlich und ohne Schönfärberei. Seine Familiengeschichte soll die Palästinenser ermutigen, neue Wege zu beschreiten, damit sie es schaffen, aus ihrer Opferrolle herauszukommen. Der Westen bekommt auch “sein Fett ab” – ob er’s (noch) merkt? …

Ich fand es zu schade, dass etwas von der Rede “verloren geht”. Deswegen habe ich sie in voller Länge ins Deutsche übersetzt. Soweit ich gesehen habe, existiert bisher noch keine deutsche Fassung. Wer die Rede aber lieber im englischen Originaltext nachhören oder nachlesen möchte – beides ist HIER möglich.

The best speech an Israeli diplomat ever held”, also “Die beste Rede, die ein israelischer Diplomat je gehalten hat” -

JETZT AUF DEUTSCH!

George Deek_Screenshot

“Wenn ich durch die Straßen meiner Heimatstadt Jaffa gehe, werde ich oft an das Jahr 1948 erinnert. Die Gassen der Altstadt, die Häuser im Ajami-Viertel, die Fischernetze im Hafen – sie alle scheinen verschiedene Geschichten über das Jahr zu erzählen, das meine Stadt für immer verändert hat.

Eine dieser Geschichten handelt von einer der ältesten Familien in dieser altertümlichen Stadt – der Familie Deek – meiner eigenen.

Vor 1948 arbeitete mein Großvater, nach dem ich benannt bin, als Elektriker beim Elektrizitäts-versorgungsunternehmen Rotenberg. Er war nicht sehr an Politik interessiert. Und da Jaffa eine gemischte Stadt war, hatte er natürlich einige jüdische Freunde. In der Tat, seine Freunde im Elektrizitätsunternehmen brachten ihm sogar Jiddisch bei, was ihn zu einem der ersten Araber machte, der je die Sprache sprach.

1947 verlobte er sich mit Vera – meiner Großmutter – und zusammen hatten sie Pläne, eine Familie in derselben Stadt zu gründen, in der die Familie Deek seit etwa 400 Jahren lebte – in Jaffa. Aber wenige Monate später änderten sich solche Pläne, buchstäblich über Nacht.

Als die UN die Gründung Israels billigte und nach einigen Monaten der Staat Israel gegründet wurde, warnten die arabischen Führer die Araber, dass die Juden planten, sie zu töten, wenn sie zu Hause blieben, und zogen als Beispiel das Massaker von Deir Yasin heran. Sie sagten allen: ‘Verlasst eure Häuser und lauft weg’. Sie sagten, sie würden nur ein paar Tage benötigen, innerhalb derer sie das neugeborene Israel mit fünf Armeen zu zerstören versprachen.

Meine Familie, entsetzt darüber, was passieren könnte, entschied sich zu fliehen, mit den meisten anderen. Ein Priester wurde eilends in das Haus der Familie Deek gebracht und er traute George und Vera, meine Großeltern, in Eile, im Haus. Meine Großmutter hatte nicht mal die Chance, ein passendes Kleid zu bekommen. Nach ihrer plötzlichen Trauung, begann die ganze Familie in den Norden zu flüchten, Richtung Libanon.

Aber als der Krieg vorbei war, hatten die Araber es nicht geschafft, Israel zu zerstören. Meine Familie befand sich auf der anderen Seite der Grenze und es schien, dass es das Schicksal der Brüder und Schwestern der Familie Deek war, rund um den Globus verstreut zu werden. Heute habe ich Verwandte in Jordanien, Syrien, Libanon, Dubai, Großbritannien, Kanada, den USA, Australien und weiteren [Ländern].

Die Geschichte meiner Familie ist nur eine – und wahrscheinlich nicht die Schlimmste – unter den vielen tragischen Geschichten des Jahres 1948. Und um es offen zu sagen, man muss nicht ein Anti-Israeli sein, um die menschliche Katastrophe der Palästinenser im Jahr 1948, Nakba genannt, zu erkennen. Die Tatsache, dass ich mit Verwandten in Kanada skypen muss, die nicht arabisch sprechen, oder einem Cousin in einem arabischen Land, das noch keine Staatsbürgerschaft verleiht, trotz der 3. Generation – ist ein lebendiges Zeugnis für die tragischen Konsequenzen des Krieges.

Laut UN wurden 711-Tausend Palästinenser verdrängt, wir haben das vorher gehört – einige flohen und einige wurden mit Gewalt vertrieben. Zur gleichen Zeit ließen sich, wegen der Gründung Israels, 800-Tausend Juden einschüchtern und verließen die arabische Welt, so dass sie überwiegend frei von Juden war. Wie wir bereits gehört haben, waren Gräueltaten von beiden Seiten nicht ungewöhnlich.
Aber es scheint, dass dieser Konflikt nicht der einzige im 19. und 20. Jahrhundert war, der zu Vertreibung und Umsiedlung führte.

Von 1821 bis 1922 wurden 5 Millionen Muslime aus Europa ausgewiesen, meist in die Türkei. In den 90-er Jahren brach Jugoslawien auseinander, was dazu führte, dass 100.000 Menschen getötet und etwa 3 Millionen vertrieben wurden. Von 1919 bis 1949, während der Wisla-Operation zwischen Polen und der Ukraine, starben 150.000 Menschen und 1,5 Millionen wurden vertrieben. Nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Potsdamer Abkommen wurden zwischen 12 und 17 Millionen Deutsche vertrieben. Bei der Gründung von Indien und Pakistan wurden rund 15 Millionen Menschen umgesiedelt.

Diese Entwicklung gibt es auch im Nahen Osten, z.B. die Verdrängung von 1,1 Millionen Kurden durch die Ottomanen, 2,2 Millionen Christen wurden aus dem Irak vertrieben. Und da wir es heute ansprechen, Yeziden, Bahai, Kurden, Christen und sogar Muslime werden getötet und in einer Menge von 1000 Menschen pro Monat vertrieben, nach der Zunahme des radikalen Islam. Die Chancen, dass eine dieser Gruppen in ihre Häuser zurückkehrt, sind fast nicht existent.

Also warum ist es dann – Warum ist es so, dass nicht an die Tragödien der Serben, der europäischen Muslime, der polnischen Flüchtlinge oder der irakischen Christen erinnert wird? Wie kommt es, dass die Verdrängung der Juden aus der arabischen Welt komplett vergessen wurde, während die Tragödie der Palästinenser, die Nakba, in der heutigen Politik noch lebendig ist?

Es scheint mir so zu sein, weil die Nakba von einer humanitären Katastrophe zu einer politischen Offensive transformiert worden ist. Bei dem Gedenken der Nakba geht es nicht mehr um das Erinnern dessen, was geschehen ist, sondern um das Übelnehmen der bloßen Existenz des Staates Israel.

Am deutlichsten wird das ausgedrückt durch das Datum, das für das Gedenken gewählt wurde. Der Tag der Nakba ist nicht am 9. April – dem Tag des Massakers von Deir Yassin, oder am 13. Juli – dem Tag der Vertreibung aus Lod. Der Tag der Nakba wurde auf den 15. Mai gelegt – dem Tag nach Israels Proklamation seiner Unabhängigkeit. Damit erklärte die palästinensische Führung, dass die Katastrophe der Nakba nicht die Vertreibung ist, die verlassenen Dörfer oder das Exil – die Nakba in ihren Augen liegt in der Gründung des Staates Israel.

Sie sind betrübt, weniger wegen der humanitären Katastrophe, die den Palästinensern widerfuhr, vielmehr wegen des Wiederauflebens des jüdischen Staates. Mit anderen Worten: sie beklagen nicht die Tatsache, dass meine Cousins Jordanier sind, sie betrauern die Tatsache, dass ich ein Israeli bin. Indem sie so handeln, sind die Palästinenser Sklaven der Vergangenheit geworden, gefangen gehalten von den Ketten des Ressentiments, Gefangene in der Welt der Frustration und des Hasses.

Aber Freunde, die evidente noch immer einfache Wahrheit ist die, dass wir – um nicht auf Trauer und Bitterkeit reduziert zu werden – nach vorne schauen müssen. Um es klarer zu sagen: Um die Vergangenheit zu bewältigen, müssen Sie zuerst die Zukunft sichern. Das ist etwas, was ich von meinem Musiklehrer, Abraham Nov, lernte.

Als ich 7 Jahre alt war, schloss ich mich einer Blaskapelle der arabisch-christlichen Gemeinde in Jaffa an. Dort begegnete ich Abraham, meinem Musiklehrer, der mich lehrte, die Flöte und später die Klarinette zu spielen. Ich war gut. Abraham ist ein Überlebender des Holocaust und seine ganze Familie wurde von den Nazis ermordet. Er war der Einzige, der es schaffte zu überleben, weil ihn ein bestimmter Nazioffizier begabt fand im Spielen der Mundharmonika. So nahm er ihn während des Krieges mit nach Hause, um seine Gäste zu unterhalten.

Als der Krieg vorbei war und er allein gelassen wurde, hätte er einfach traurig sein und weinen und schreien können über das in der Geschichte größte Verbrechen der Menschheit gegen die Menschheit und über die Tatsache, dass er allein gelassen wurde. Aber das tat er nicht, er schaute vorwärts und nicht rückwärts; er wählte das Leben, nicht den Tod; Hoffnung statt Verzweiflung. Abraham kam nach Israel, heiratete, gründete eine Familie und begann dieselbe Sache zu lehren, die sein Leben rettete – Musik. Er wurde der Musiklehrer von Hunderten, ja Tausenden von Kindern im ganzen Land. Und als er die Spannung zwischen Arabern und Juden sah, entschied sich dieser Holocaustüberlebende dafür, Hunderten von arabischen Kindern wie mich Hoffnung durch Musik zu lehren.

Holocaustüberlebende wie Abraham gehören zu den außergewöhnlichsten Menschen, die man finden kann.

Ich war immer neugierig darauf zu verstehen, wie sie es geschafft haben zu überleben, zu wissen, was sie wussten, zu sehen, was sie sahen. Aber in den 15 Jahren, in denen ich Abraham kennengelernt habe, als ich sein Schüler war, sprach er nie über seine Vergangenheit, außer einmal – als ich es unbedingt wissen wollte. Ich kam zu der Erkenntnis, dass Abraham nicht der Einzige war, und dass viele Holocaust-Überlebende nicht über diese Jahre sprachen, über den Holocaust, auch nicht in ihren Familien, manchmal für Jahrzehnte oder sogar ein Leben lang. Erst, als sie die Zukunft gesichert hatten, erlaubten sie sich, zurück in die Vergangenheit zu blicken. Nur, als sie eine Zeit der Hoffnung aufgebaut hatten, erlaubten sie sich, sich an die Tage der Verzweiflung zu erinnern. Sie bauten die Zukunft in ihrer alten neuen Heimat, dem Staat Israel. Und unter den Schatten ihrer größten Tragödie, waren die Juden in der Lage, ein Land zu bauen, das führend ist in der Welt, in Medizin, Agrikultur und Technologie. – Warum? Weil sie nach vorne schauten.

Freunde, das ist eine Lektion für jede Nation, die eine Tragödie überleben möchte – die Palästinenser eingeschlossen. Wenn die Palästinenser die Vergangenheit bewältigen wollen, müssen sie zuerst den Fokus darauf richten, eine Zukunft zu sichern, eine Welt aufzubauen, wie sie sein sollte, wie sie unsere Kinder verdienen.

Und der erste Schritt in diese Richtung ist ohne Zweifel das Ende der beschämenden Behandlung der palästinensischen Flüchtlinge. In der arabischen Welt sind die palästinensischen Flüchtlinge – einschließlich ihrer Kinder, ihrer Enkelkinder und sogar ihrer Urenkelkinder – noch nicht sesshaft, aggressiv diskriminiert und in den meisten Fällen ohne Staatsbürgerschaft und grundlegender Menschenrechte. Warum ist es so, dass meine Verwandten in Kanada kanadische Staatsbürger sind, während meine Verwandten in Syrien, Libanon oder den Golfstaaten – die dort geboren sind und keine andere Heimat kennen – noch immer als Flüchtlinge angesehen werden?

Um es deutlich zu sagen, die Behandlung der Palästinenser in den arabischen Staaten ist die größte Unterdrückung, die sie irgendwo erfahren haben. Und die Kollaborateure bei diesem Verbrechen sind keine anderen als die internationale Gemeinschaft und die Vereinten Nationen. Anstatt ihre Arbeit zu tun und den Flüchtlingen zu helfen, ein Leben aufzubauen, füttert die internationale Gemeinschaft das Narrativ der Opferrolle. Während es eine UN-Agentur gibt, die für alle Flüchtlinge in der Welt verantwortlich ist – die UNHCR, wurde eine weitere Agentur gegründet, um sich ausschließlich mit palästinensischen Fragen zu befassen – die UNRWA. Das ist kein Zufall. Während das Ziel der UNHCR darin besteht, Flüchtlingen zu helfen, eine neue Heimat zu gründen, eine Zukunft zu gründen und ihren Flüchtlingsstatus zu beenden, ist das Ziel der UNRWA das Gegenteil: ihren Status als Flüchtlinge zu erhalten und sie davon abzuhalten, ein neues Leben zu beginnen.

Die internationale Gemeinschaft kann nicht ernsthaft erwarten, dass das Flüchtlingsproblem gelöst wird, wenn sie mit den Arabern dadurch zusammenarbeitet, dass sie die Flüchtlinge wie politische Schachfiguren behandelt und ihnen zustehende grundlegende Rechte verweigert.

Überall dort, wo den palästinensischen Flüchtlingen gleiche Rechte garantiert wurden – hatten sie Erfolg und steuerten zu ihrer Gesellschaft bei – in Südamerika, in den USA und auch in Israel. In der Tat, Israel war eines der wenigen Länder, das allen Palästinensern im Land nach 1948 automatisch die volle Staatsbürgerschaft und Gleichberechtigung gab. Und wir sehen die Ergebnisse: Trotz aller Schwierigkeiten bauten sich die arabischen Bürger Israels eine Zukunft auf.

Israelische Araber sind die am besten ausgebildeten Araber in der Welt, mit den besten Lebensstandards und Chancen in der Region. Araber stehen im Dienst als Richter beim Obersten Gericht. Einige der besten Ärzte in Israel sind Araber, die in fast allen Krankenhäusern im Land arbeiten. Es gibt 13 arabische Parlamentsmitglieder, die sich daran erfreuen, die Regierung zu kritisieren – ein Recht, das sie voll auskosten – geschützt durch die Meinungsfreiheit; Araber gewinnen beliebte Reality-Shows; und sie können arabische Diplomaten finden – und einer von ihnen steht vor Ihnen.

Heute, wenn ich durch die Straßen Jaffas gehe, sehe ich die alten Gebäude und den alten Hafen. Aber ich sehe auch Kinder zur Schule und zur Universität gehen; ich sehe florierende Geschäfte; und ich sehe eine lebendige Kultur. Kurz, trotz der Tatsache, dass wir noch einen langen Weg als Minderheit vor uns haben, haben wir eine Zukunft in Israel.

Das bringt mich zu meinem nächsten Punkt. Die Zeit ist gekommen, der Kultur des Hasses und der Aufhetzung ein Ende zu bereiten – weil Antisemitismus, wie ich glaube, eine Bedrohung für Muslime und Christen wie auch für Juden ist.

Ich kam vor gut zwei Jahren nach Norwegen, und es war das erste Mal, dass ich mit Juden als einer Minderheit interagierte. Normalerweise … bin ich es gewohnt, sie als Mehrheit zu sehen. Und ich muss sagen, es sieht sehr vertraut aus.

Ich wuchs in einer ähnlichen Umgebung auf, in der arabisch-christlichen Gemeinde in Jaffa. Ich war Teil der orthodoxen Christen, die Teil der christlichen Gemeinde sind, die Teil der arabischen Minderheit sind, im jüdischen Staat Israel, im muslimischen Nahen Osten. Ich liebe diese russischen Puppen, Sie öffnen eine große und in ihr befindet sich eine kleinere? Ich bin die kleinste Figur. Ein Jude in Norwegen oder ein Araber in Israel – eine Minderheit zu sein bedeutet, dass Sie immer ein Teil einer kleinen Gemeinschaft sind, wo jeder den anderen achtet und den anderen unterstützt. Es ist eine schöne Sache zu wissen, dass, was auch immer sein mag, Sie immer eine Gemeinde haben, die auf Sie Acht hat. Teil einer Minderheit zu sein, ist mein ganzes Leben hindurch ein Segen gewesen.

Aber Freunde, das Leben einer Minderheit ist auch ein Leben eines ständigen Kampfes um faire Behandlung. Manchmal wird man diskriminiert und könnte sogar ein Opfer von Hassverbrechen sein. Sogar in einer Demokratie wie Israel, ist es nicht immer einfach, einer arabischen Minderheit anzugehören. Vor etwas mehr als einem Jahr ging eine Bande von Rabauken auf den arabisch-christlichen Friedhof in Jaffa und haben die Gräber mit Schmierereien wie “Tod den Arabern“ geschändet, und eines der Gräber auf dem Friedhof war das meines Vaters.

Eine Minderheit zu sein, meine Freunde, ist überall eine Herausforderung, weil eine Minderheit zu sein bedeutet, anders zu sein. Und keine Nation hat je einen höheren Preis dafür bezahlt, eine Minderheit zu sein, anders zu sein, als das jüdische Volk. Die Geschichte des jüdischen Volkes fügt viele Worte zum menschlichen Vokabular hinzu: Worte wie Vertreibung, Zwangskonversion, Inquisition, Ghetto, Pogrom, ganz zu schweigen von Holocaust. Rabbi Lord Jonathan Sacks erklärt richtig, dass die Juden durch die Jahrhunderte gelitten haben, weil sie anders waren. Weil sie die bedeutendste nicht-christliche Minderheit in Europa waren, und heute die bedeutendste nicht-muslimische Minderheit im Nahen Osten.

Aber Freunde, sind wir tatsächlich nicht alle verschieden? Die Wahrheit ist: verschieden zu sein ist das, was uns zu Menschen macht! Jeder Mensch, jede Kultur, jede Religion ist einzigartig und deswegen unersetzbar. Und ein Europa oder ein Naher Osten hat keinen Raum für Juden, hat keinen Raum für Menschlichkeit.

Freunde, lasst uns nicht vergessen – Antisemitismus mag bei Juden beginnen, aber er endet nie bei Juden. Die Juden waren nicht die einzigen, die unter der Inquisition zwangskonvertiert wurden; Hitler stellte sicher, dass Zigeuner und Homosexuelle u.a. zusammen mit den Juden litten. Und das passiert jetzt wieder, diesmal im Nahen Osten.

Die arabische Welt scheint vergessen zu haben, dass ihre größten Tage in den vergangenen 1400 Jahren waren, als sie Toleranz und Offenheit zeigte denen gegenüber, die anders sind. Das Mathegenie Ibn Musa el-Khwarizmi war Usbeke, der große Philosoph Rumi war Perser, der ruhmreiche Führer Salah a-din war Kurde, der Gründer des arabischen Nationalismus war Michel Aflaq – ein Christ. Und derjenige, der der ganzen Welt die islamische Wiederentdeckung von Platon und Aristoteles brachte, war Maimonides – ein Jude. Aber anstatt die erfolgreiche Annäherung an Toleranz wieder aufzufrischen, wird der arabischen Jugend gelehrt, Juden zu hassen, indem man antisemitische Rhetorik des mittelalterlichen Europa gebraucht, vermischt mit islamischen Radikalismus.

Und noch einmal, was als Feindschaft gegen Juden begann, ist Feindschaft gegen jeden geworden, der anders ist. Erst in der letzten Woche flohen 60.000 Kurden von Syrien in Richtung Türkei aus Angst, abgeschlachtet zu werden. Am gleichen Tag ertranken 15 Palästinenser aus Gaza im Meer bei dem Versuch, den Klauen der Hamas zu entkommen. Bahai und Yesiden sind in Gefahr. Und an der Spitze von all dem: die ethnische Säuberung von Christen im Nahen Osten ist das größte Verbrechen gegen die Menschlichkeit im 21. Jahrhundert. In nur zwei Jahrzehnten wurde die Anzahl der Christen wie mich von 20% der Bevölkerung des Nahen Ostens auf nur 4% heute reduziert.Und wenn wir sehen, dass die hauptsächlichen Opfer der islamistischen Gewalt Muslime sind, wird es jedem klar. – Am Ende des Tages zerstört Hass den Hasser.

Also Freunde, wenn wir unser Recht auf Unterschiedlichkeit erfolgreich verteidigen wollen, wenn wir eine Zukunft in dieser Region haben wollen, glaube ich, dass wir zusammenhalten sollten – Juden, Muslime und Christen: Wir werden mit der gleichen Leidenschaft für das Recht der Christen kämpfen, ihren Glauben ohne Angst zu leben, wie wir für das Recht der Juden kämpfen, ohne Angst zu leben. Wir werden gegen Islamophobie kämpfen, aber wir benötigen unsere muslimischen Partner, um sich dem Kampf gegen Christenphobie und Judenphobie anzuschließen. Denn die Sache, die auf dem Spiel steht, ist unsere gemeinsame Menschlichkeit.

Ich weiß, das klingt vielleicht naiv, aber ich glaube, dass es möglich ist. Und die einzige Sache, die zwischen uns und einer toleranteren Welt steht, ist Furcht. Wenn die Welt sich verändert, beginnen die Menschen, sich darüber Sorgen zu machen, was die Zukunft bringt. Diese Furcht lässt die Menschen in eine passive Opferhaltung zurückfallen, weil sie die Realität zurückweist und nach jemanden Ausschau hält, um ihm die Schuld für all das in die Schuhe zu schieben.

Das ist so wahr, wie es 1948 wahr war. Die arabische Welt kann diese Denkweise überwinden, aber es erfordert den Mut, anders zu denken und anders zu handeln. Diese Veränderung verlangt, dass die Araber realisieren, dass sie keine hilflosen Opfer sind, sie verlangt, dass sie sich für Selbstkritik öffnen und sich selbst Rechenschaft ablegen. Bis zu diesem Tag hinterfragt nicht ein einziges Geschichtsbuch der arabischen Welt den historischen Fehler, die Gründung eines jüdischen Staates abgelehnt zu haben. Kein prominenter arabischer Akademiker hat sich öffentlich dazu bekannt zu sagen, dass es keinen Krieg und kein Flüchtlingsproblem gegeben hätte, wenn die Araber die Idee eines jüdischen Staates akzeptiert hätten.

Ich sehe Israelis wie Benny Morris, der heute bei uns ist, der es wagt, die Berichte der Führung in Israel in Frage zu stellen und persönliche Risiken bei der Suche nach Wahrheit, die nicht immer bequem für ihr Volk sind, auf sich zu nehmen. Aber ich kann nicht ihre arabischen Äquivalente finden. Ich kann keine Auseinandersetzung sehen, die die Weisheit der destruktiven Führung des Muftis von Jerusalem, Hajj Amin al-Husseini, in Frage stellt oder den unnötigen Krieg der arabischen Liga 1948 oder einen der Kriege gegen Israel in den nachfolgenden Jahren bis heute; und ich kann keine Selbstkritik im palästinensischen Mainstream von heute erkennen über den Einsatz von Terrorismus, den Beginn der zweiten Intifada oder die Ablehnung von mindestens zwei israelischen Offerten in den vergangenen 15 Jahren, um den Konflikt zu beenden.

Selbstreflexion ist kein Zeichen von Schwäche, es ist ein Zeichen von Stärke. Sie bringt unsere Fähigkeit hervor, Furcht zu überwinden und der Realität ins Auge zu sehen. Sie fordert von uns, aufrichtig auf unsere Entscheidungen zu blicken und Verantwortung zu übernehmen. Nur die Araber selbst können ihre Realität verändern,
  • dadurch, dass sie aufhören, sich auf konspirative Theorien zu stützen und für alle Probleme externen Mächten die Schuld zuweisen – Amerika, den Juden, dem Westen oder wem auch immer.
  • dadurch, dass sie aus vergangenen Fehlern lernen, und
  • dadurch, dass sie in Zukunft weisere Entscheidungen treffen.
Erst vor zwei Tagen stand der US Präsident Obama auf dem UN-Podium vor der Generalversammlung und sagte: “Die Aufgabe, Sektierertum und Extremismus abzulehnen, ist eine Aufgabe der Generationen – eine Aufgabe für die Menschen im Nahen Osten selbst. Keine externe Macht kann eine Transformation der Herzen und Sinne hervorbringen.

Kürzlich habe ich einen sehr interessanten Artikel von Lord Sacks über Rivalität unter Brüdern in der Bibel gelesen. Es gibt vier Geschichten über rivalisierende Brüder im Buch Genesis: Kain und Abel, Isaak und Ismael, Jakob und Esau und Joseph und seine Brüder. Jede Geschichte endet anders – Im Fall von Kain und Abel wird Abel getötet. Im Fall von Isaak und Ismael stehen sie zusammen am Grab ihres Vaters. Im Falle von Jakob und Esau treffen sie sich, umarmten einander und gehen ihre getrennten Wege.

Aber der Fall von Joseph endet anders. Für die, denen die Geschichte nicht vertraut ist: Joseph war der 11. von Jakobs 12 Söhnen und Rahels Erstgeborener, im Land Kanaan. Zu einem bestimmten Zeitpunkt, wegen ihrer Eifersucht auf ihn, entschließen sich seine Brüder, ihn in die Sklaverei zu verkaufen. Doch nach einer Weile stieg Joseph auf, um der zweitstärkste Mann in Ägypten nach Pharao zu werden. Als in Kanaan eine Hungersnot ausbrach, kamen Josephs Vater Jakob und Josephs Brüder nach Ägypten. Und dort, anstatt sie zu bestrafen für das, was sie ihm angetan haben, entscheidet sich Joseph, seinen Brüdern zu vergeben. Das war das erste aufgezeichnete Ereignis über Vergebung und Versöhnung in der Literatur. Joseph versorgt seine Brüder mit allem Notwendigen. Sie kommen voran, sie wachsen an Zahl und sie werden eine große Nation. Am Ende der Geschichte sagt Joseph zu seinen Brüdern “Ihr gedachtet, es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte, es gut zu machen, um zu erreichen, was nun getan worden ist, viele Leben zu retten.“ Damit meinte er, dass wir durch unsere Handlungen in der Gegenwart die Zukunft prägen können, und dadurch die Vergangenheit bewältigen.

Juden und Palästinenser, wir sind vielleicht keine Glaubensbrüder, aber sicher sind wir Schicksalsbrüder. Und ich glaube, dass wie genau wie in der Geschichte von Joseph durch richtige Entscheidungen, durch das Konzentrieren auf die Zukunft unsere Vergangenheit bewältigen können. Die Feinde von gestern können die Freunde von morgen sein. Es geschah zwischen Israel und Deutschland, Israel und Ägypten, Israel und Jordanien. Es ist Zeit, einen Hoffnungsschimmer in der Beziehung zwischen Israelis und Palästinensern zu setzen, so dass wir der Wiederholung alter Missstände ein Ende setzen können und uns auf unsere Zukunft und auf die existierenden Möglichkeiten konzentrieren, die sie für uns alle hat, wenn wir es nur wagen.

Ich habe Ihnen noch nicht die restliche Geschichte meiner Familie im Jahr 1948 erzählt. Nach einer langen Reise Richtung Libanon, größtenteils zu Fuß, erreichten meine Großeltern, George und Vera, Libanon. Sie blieben dort für viele Monate. Und in dieser Zeit dort gebar meine Großmutter Vera ihren ersten Sohn, meinen Onkel Sami. Als der Krieg vorüber war, bemerkten sie, dass sie belogen worden waren – die Araber hatten nicht, wie versprochen, den Krieg gewonnen. Und zugleich töteten die Juden nicht alle Araber, wie ihnen erzählt worden war, dass das passieren würde. Mein Großvater schaute sich um und sah im Leben als Flüchtling nichts anderes als eine Sackgasse.

Er schaute auf seine junge Frau Vera, die noch keine 18 Jahre alt war, und auf seinen neugeborenen Sohn und wusste, dass es an einem Ort, der an der Vergangenheit festhängt ohne die Fähigkeit, nach vorne zu sehen, keine Zukunft für seine Familie gab. Während seine Brüder und Schwestern ihre Zukunft im Libanon und anderen arabischen Staaten und westlichen Ländern sahen, dachte er anders. Er wollte nach Jaffa, seiner Heimatstadt, zurückgehen. Weil er in der Vergangenheit mit Juden gearbeitet und ihnen ein Freund war, war er nicht durch Hass einer Gehirnwäsche unterzogen worden.

Mein Großvater George tat, was wenige andere gewagt hätten – er streckte denen die Hand aus, die seine Gemeinde als ihre Feinde ansahen. Er mobilisierte einen seiner alten Freunde aus dem Elektrizitätsunternehmen und bat um Hilfe für seine Rückkehr. Und dieser Freund, von dem ich durch die Geschichten meines Vaters hörte und dessen Namen ich nie erfuhr, war nicht nur in der Lage und gewillt, meinem Großvater zu helfen zurückzukommen, sondern durch einen außerordentlichen Akt der Gnade half er ihm auch, seine alte Stelle zurückzubekommen, die nun zur israelischen Elektrizitäts-gesellschaft gehörte, was ihn zu einem der wenigen dort arbeitenden Araber machte.

Heute finden sich unter meinen Geschwistern und Cousins Buchhalter, Lehrer, Versicherungsvertreter, High-Tech-Ingenieure, Diplomaten, Fabrikmanager, Universitätsprofessoren, Rechtsanwälte, Anlageberater, Manager von israelischen Top-Unternehmen, Architekten und auch Elektriker. Der Grund, warum meine Familie im Leben erfolgreich war, der Grund, warum ich hier als ein israelischer Diplomat stehe und nicht als ein libanesischer Flüchtling aus Libanon, liegt darin, dass mein Großvater den Mut hatte, eine Entscheidung zu treffen, die für andere undenkbar war. Statt in Verzweiflung zu stürzen, fand er Hoffnung, wo sie niemand zu suchen gewagt hätte; er entschied sich, unter denen zu leben, die als seine Feinde betrachtet wurden und sie zu seinen Freunden zu machen. Dafür schulden ich und meine Familie ihm und meiner Großmutter ewig Dank.

Die Geschichte der Familie Deek sollte dem palästinensischen Volk als eine Quelle der Inspiration dienen. Wir können die Vergangenheit nicht ändern. Aber wir können eine Zukunft für unsere nächste Generation sichern, wenn wir eines Tages die Vergangenheit bewältigen wollen. Wir können den palästinensischen Flüchtlingen helfen, ein normales Leben zu führen; wir können aufrichtig mit unserer Vergangenheit sein und von unseren Fehlern lernen; und wir können verbinden – Muslime, Juden und Christen – um unser Recht auf Unterschiedlichkeit zu schützen und dadurch unsere Menschlichkeit zu erhalten.

In der Tat, wir können die Vergangenheit nicht ändern. Aber wenn wir all das tun, werden wir die Zukunft verändern.

Ich danke Ihnen.”

[Anmerkung der Übersetzerin: Hervorhebungen im Text habe ich aus dem vollständigen Transkript in Englisch übernommen. Absätze und Links sind von der Übersetzerin gesetzt.]

Mittwoch, 15. Oktober 2014

Shlomo Sand – das Ende eines langsamen Outings

ב"ה


Als Shlomo Sand 1946 als Kind polnischer Juden in Linz geboren wurde, so lebte er, wenn auch nur für sehr kurze Zeit, tatsächlich unter einer Besatzungsmacht. 

Sand hatte Glück, falls er im südlich der Donau gelegenen Teil von Linz auf die Welt kam. Die Donau bildete an dieser Stelle die Grenze zwischen der Russischen und der US-Amerikanischen Besatzungszone. Die Zustände in den Teilen Österreich, die unter der sowjetischen Besatzung litten, müssen schlimm gewesen sein. 

Besatzungszonen in Österreich


Überhaupt war Österreich, das Land, das dem Gröfaz am 13. März 1938 zugefallen war, wie eine überreife Frucht, nach dem Krieg arg gebeutelt. 

Innsbsruck jubelt

Wie schlimm es nach dem Krieg um Österreich stand, kann der Weihnachtsrede 1945 des damaligen Bundeskanzlers Leopold Figl entnommen werden: „Ich kann Euch zu Weihnachten nichts geben. Ich kann Euch für den Christbaum, wenn Ihr überhaupt einen habt, keine Kerzen geben. Kein Stück Brot, keine Kohle zum Heizen, kein Glas zum Einschneiden. Wir haben nichts. Ich kann Euch nur bitten: Glaubt an dieses Österreich!“ (Was Figl mit „Einschneiden“ gemeint haben könnte, wurde vielerorts diskutiert. Nachdem durch die Bombenschäden noch viele Häuser ohne Fenster waren, geht man davor aus, dass er Glasscheiben meinte, aus denen man Fenster herstellte.)


Die Nibelungenbrücke in Linz heute


Nachdem die Familie aber die Zeit bis zur Aliya nach Israel im Jahr 1948 in einem Flüchtlingslager nahe München verbrachte, liegt die Vermutung nahe, dass er eher im nördlichen Teil von Linz, der unter sowjetischer Besatzung stand, auf die Welt kam und die Familie sich erneut auf die Flucht nach Norden machte.

Er hat von den schlimmen Verhältnissen damals im zarten Babyalter nichts mitbekommen, ebenso wenig, wie er etwas von der anstrengenden Überfahrt im Jahr 1948 nach Jaffo mitbekommen haben dürfte. 

Leopold Figl sprach noch ein weiteres Male historische Worte. Am 15. Mai 1955 trat er mit dem Dokument auf den Balkon vom Schloss Belvedere, das Österreich von den Repressalien der Besatzung befreite: dem Staatsvertrag. Mit den Worten „Österreich ist frei!“ begann die Zeit der Zweiten Republik.

Der Staatsvertrag ist unterschrieben

Neun Jahre war Shlomo Sand alt, als sein ursprüngliches Geburtsland befreit wurde.
Sieben Jahre alt, fast auf den Tag genau, war seine neue Heimat, Israel an diesem Tag.
Von den beiden großen Kriegen hat er bewusst nichts mitbekommen. Der grausame Weltkrieg­ forderte insgesamt mehr als 53 Millionen Opfer. Die größte Opferzahl einer Gruppe waren die 6 Millionen Juden, die während der Shoa ermordet worden waren (abgesehen von den Zivilopfern in China).

Mit der Unterzeichnung der Unabhängigkeitserklärung am 14. Mai 1948 wurde der zionistische Traum wahr: die Juden hatten ihr eigenes Heimatland erhalten, den Staat Israel. Geformt innerhalb der Grenzen, die der UNO Teilungsplan vorgegeben hatte, und der von den Arabern abgelehnt worden war. Dieses Gebiet entspricht genau dem, was wir Juden seit mehr als 2000 Jahren andauernd besiedeln. 

Die Reaktion darauf blieb nicht lange aus. Der Israelische Unabhängigkeitskrieg begann wenige Stunden nach der Staatsgründung. Ägypten, Syrien, Transjordanien, Libanon, Irak und Saudi Arabien griffen Israel an. Eigentlich ein aussichtsloser Kampf. David gegen Goliath. Der Glaube an den zionistischen Traum und die Unterstützung mit tschechischen und russischen Waffen und Geldern aus den USA drehten die Kräfteverhältnisse völlig um. Auch als Jemen und Marokko auf arabischer Seite in den Krieg eintraten, konnte Israel nicht mehr gestoppt werden und gewann den Krieg, der mit den verschiedenen Waffenstillstandsabkommen zwischen Februar und Juli 1949 endete. Die Waffenstillstandslinien blieben, als de facto Grenzen bis zum Ende des Sechs Tage Krieges (1967) aufrecht.

Arabische Angriffe ab dem 15. Mai 1948


Während Europa sich irgendwann von den Folgen des Krieges erholt hat, leidet Israel heute noch unter den Fehlinterpretationen, absichtlichen Falschmeldungen, Verdrehungen und Klitterungen vor allem aus dem arabischen Raum. 

Auf der Fahne des palästinensischen Narratives leuchtet das Wort „NAKBA“ (Katastrophe) weltweit in grellen Farben. Die Nakba ist bis heute neben dem Status von Jerusalem der Hinderungsgrund für ein Friedensabkommen. Die Nakba ist der Grund, warum es der UNWRA gelang aus 700.000 Vertriebenen im Jahr 1948 heute eine Zahl von mehr als 5 Millionen Flüchtlingen zu kreieren, die ein Rückkehrrecht nach Israel haben. Die Nakba ist der Grund dafür, den heute wieder erstarkenden Antisemitismus hinter den Begriffen Antiisraelismus und Antizionismus zu verbergen.



Die Nakba ist auch der Grund, warum es immer mehr Juden als opportun betrachten, sich als Antizionisten zu bezeichnen und in Wahrheit antisemitisch zu handeln.

Die Zahl der zur gleichen Zeit aus arabischen  Ländern vertriebenen und sofort in Israel integrierten Juden fällt für sie alle einfach weg, ist irrelevant.

Jüdische Flüchtlingsströme ab 1948


Die ersten Jahre nach dem Unabhängigkeitskrieg war das Ansehen Israels in der Welt noch groß, dass dieser Krieg ein für Israel ein echter Verteidigungskrieg war, war unbestreitbar. Ganz anders sah es mit den Folgekriegen aus. Der Suezkrieg (1956/57) und der Sechstagekrieg (1967) werden in vielen Kreisen als Angriffskriege Israels bewertet, obwohl in beiden Fällen eine echte Bedrohung für Israel bestand. In den Augen von immer israelkritischer werdenden Gruppen wäre es wohl besser gewesen, die erste Welle über sich ergehen zu lassen und erst dann zu reagieren – falls das dann noch möglich gewesen wäre. Ich neige dazu, beide Kriege als Präventivkriege zu bezeichnen, also einen als Verteidigung gedachten Angriff durchzuführen. Ein durchaus legitimer, auch vom Völkerrecht akzeptierter Sachverhalt. 

 
Die sog. "Grüne Linie"

Die Waffenstillstandslinie von 1967, die sogenannte Grüne Linie, ist neben der Nakba der große Diskussionspunkt bei den israelisch-palästinensischen Friedensverhandlungen.
1967 war der Zeitpunkt, an dem Shlomo Sand begann sich politisch zu orientieren. Er war jetzt 21 Jahre und dürfte den Militärdienst hinter sich gehabt haben. Er selbst sagt in einem Interview, er habe 1967 Jerusalem miterobert und habe in zwei Kriegen gekämpft.
Er trat der antizionistischen Gruppe Matzpen (Kompass) bei, die sich um die Knesset Partei herum gruppierte, deren prominentestes Mitglied der antizionistische Friedensaktivist Uri Avnery war. 

Shlomo Sand bezeichnet sich selber als weder zionistisch, noch antizionistisch. Als die Gruppe Matzpen Israel eindeutig das Existenzrecht absprach, eine Einstellung, der er nicht folgen konnte, verließ er die Gruppe. Er bezeichnet sich als „postzionistisch“.

Doch weil, so wie das Postmoderne erst einsetzen konnte, als das Moderne in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts beendet wurde, das Postzionistische erst dann beginnen kann, wenn das Zeitalter des Zionismus abgeschlossen sein wird, werden Wissenschaftler und Aktivisten aus dem Umfeld von Shlomo Sand noch lange auf ihren Einsatz warten müssen. Jedoch findet er sich mit Ilan Pappe, Avi Shlaim, Tom Segev, Uri Ram oder Baruch Kimmerling wirklich in einer äußerst prominenten Gruppe von Wartenden. Allesamt links, anti-zionistisch und pro-palästinensisch.

Seine Bücher wie „Die Erfindung des jüdischen Volkes“ (2009) katapultierten ihn innerhalb kürzester Zeit auf die Bestsellerlisten zahlreicher Länder.

Die Gründung des Staates Israel bezeichnet er als in einem Interview im Jahr 2012 als einen Akt der Vergewaltigung

„Betrachtet man die Motive für eine Vergewaltigung, falls diese vorliegen, kann man eine Vergewaltigung trotzdem niemals rechtfertigen. Warum halte ich die Gründung Israels für einen Akt der Vergewaltigung? Nun, mit der Verkündung der Balfourdeklaration, als Großbritannien sich 1917 theoretisch mit den zionistischen Vorstellungen nach einer jüdischen Heimstätte in Palästina einverstanden erklärte, lebten dort etwa 700.000 Araber. 1948, mit der Gründung Israels, lebten in dem Gebiet zwischen dem Meer und dem Fluss Jordan etwa 1,3 Millionen Araber und etwa 200.000 Juden. Die Umsetzung der Idee, in Palästina einen jüdischen Staat zu gründen, wo die Bevölkerungsmehrheit aus Arabern besteht, ist für mich nichts anderes als ein Akt der Vergewaltigung. Aber auch wenn man diese historischen Fakten zugrunde legt, auch wenn es sich um einen Akt der Vergewaltigung handelte, haben die Kinder, die aus dieser Vergewaltigung hervorgegangen sind, ein Recht auf Leben. Bei diesen Kindern handelt es sich um die Nation Israel sowie um die Nation Palästina. Ich gehe nicht davon aus, dass es eine palästinensische Nation vor der zionistischen Gründung Israels gab.“

Meine Frage an Shlomo Sand, wie schaut es mit der Gründung der anderen Staaten aus, die aus den Besatzungen den frühen 20. Jahrhunderts hervorgingen: Syrien, Libanon, Jordanien, Irak. Gibt es da ähnliche Bedenken? Ich denke vor allem an Jordanien, als den klassischen palästinensischen Staat. Alle diese Staaten sind doch auf dem Reißbrett entstanden, ohne Rücksichtnahme auf die Lebensräume der dort lebenden Ethnien. Wo bleibt da die große Kritik?

2013 schrieb Sand ein Buch „Warum ich aufhöre, Jude zu sein.“

Arn Strohmeyer klatscht laut Beifall für die Vertreter der Anti-Israel-Lobby: “Gäbe es die brutale und völkerrechtswidrige Besatzungspolitik nicht, man müsste Sympathie haben für dieses Land – allein schon wegen seiner kritischen Intellektuellen. Man kann dieses komplexe und schwierige Gebilde Israel erst verstehen, wenn man die Bücher und Aufsätze seiner besten oppositionellen Köpfe gelesen hat. Um nur ein paar Namen zu nennen: Uri Avnery, Abraham Burg, Aktiva Eldar, Simcha Flapan, Amira Hass, Jeff Halper, Jeshajahu Leibowitz, Gideon Levy, Reuven Moskovitz, Ilan Pappe, Tom Segev, Israel Shahak, Idith Zertal, Moshe Zuckermann und eben Shlomo Sand, wobei diese Liste bei Weitem nicht vollständig ist. Die Ausführungen dieser intelligenten und human gesinnten Aufklärer haben mein Israelbild geprägt, das natürlich ein Gegenentwurf zum zionistischen Mainstream ist.“
Nein die Liste ist tatsächlich nicht vollständig, es fehlen die zahlreichen europäischen und amerikanischen Juden, deren erklärtes Ziel es ist, dem Staat Israel so viel wie möglich zu schaden. Auf dieser Liste finden sich Personen, die auch von meinen Steuergeldern gezahlt werden, weil sie entweder immer noch aktiv an israelischen Universitäten lehren (?) oder mittlerweile emeritiert sind. Oder sie sind antiisraelisch schreibende Journalisten der linken Hofpostille, dem Haaretz. Als solche findet man sie regelmäßig als Gastautoren z. B. im schweizerischen Wochenblatt für das unverbindliche Judentum, „Tachles“.

Ein Name steht zu Unrecht auf dieser Liste, der von Jeshajahu Leibowitz. Zwar wird er gerne von den Linken in ihr Boot geholt, weil seine radikale Kritik an der Israelischen Politik und die Forderung sich in die Grenzen von 1967 zurückzuziehen, so wunderbar in das Bild der antiisraelischen Agitatoren passt. 

Leibowitz lässt sich nicht in einen Rahmen, von welcher Seite auch immer gezimmert, pressen. Warum er Zionist sei, wurde er gefragt. „Weil ich mich nicht von Nichtjuden regieren lassen will.“ War seine, nicht ideologisch gefärbte, sondern ganz pragmatische Antwort. Leibowitz hatte seinen Platz im Leben, als Jude, Zionist und Kritiker innerhalb von Israel gefunden.

Shlomo Sand blieb es offensichtlich vorenthalten, so einen Platz zu finden. 

Am 10. Oktober erschien im Guardian ein langer Artikel, in dem er ausführlich darlegt, warum er nun, als Ultima Ratio eines unruhigen Leben aus dem „Exklusiven Klub des Judentums“ austritt.

Sand begründet seinen selbstinszenierten Austritt aus dem Judentum mit markigen Worten: „Ich sehe es meinerseits als moralische Pflicht an, mich endgültig vom tribalistischen Judozentrismus zu verabschieden. Heute bin ich mir voll bewusst, dass ich im Grunde nie ein säkularer Jude war; ein derartiges imaginäres Subjekt entbehrt nämlich jeglicher eigener kultureller Grundlage oder Perspektive und basiert auf einem hohlen ethnozentrischen Standpunkt.“

Er hofft, so schreibt er weiter, dass freundliche Philosemiten, engagierte Zionisten, begeisterte Antizionisten seine Entscheidung respektieren und ihn nicht mehr weiter als Juden schubladisieren. In einem Rundumschlag von Selbstbefreiung fährt er fort, dass es ihn herzlich wenig interessiere, was sie über ihn denken und noch weniger interessiere ihn das, was die „antisemitischen Idioten“ über ihn denken.

Immerhin macht es seine Entscheidung, sich nicht mehr als Juden zu definieren, leichter, ihn als das zu sehen, was er seit geraumer Zeit schon war: als einen Israel-Hassenden, antizionistischen Agitator, der seinen Antisemitismus so viele andere seines Umfeldes gut hinter gesellschaftlich akzeptableren Begriffen versteckt.

Shlomo Sand, der in Europa verfolgt wurde, weil er Jude war, das Land hasst, das ihn aufgenommen hat, weil er Jude ist, der sich vom Judentum ablöst, damit er nicht als Prototyp des selbsthassenden Juden herhalten muss.

Shlomo Sand, der in Israel studieren und lehren durfte, und es diesem Land, mit politischem Schaden heimzahlt.